Opus – Magnum

Opus Music Publishing
Gratwein-Straßengel 2020

Rund 40 Jahre nach „Eleven“ erscheint wieder ein substantielles Album des steirischen Erfolgsunternehmens.

„Mit unserem 16. Werk, einem einerseits kreativen Future-Ausblick und einem andererseits mit vielen emotionalen Erinnerungen verbundenen History-Rückblick wollen wir uns nach 40 Jahren von der Rock & Pop-Album-Szene verabschieden,“ schreiben die vier Mannen im aktuellen Doppelalbum, wobei ich mich frage, wo die anderen Platten geblieben sind, die mit ihrem Debütalbum „Daydreams“ (1980) und der bis heute unübertroffenen LP „Eleven“ (1982) den typischen Opus-Sound festgelegt haben. In der Hauptsache war es der hohen Stimmlage des 1979 per Inserat gefundenen Lead Singers Herwig Rüdisser zu verdanken.

On the Road to Austria Rock

1973 gründete der Ex-Sängerknabe Walter Bachkönig eine Garageband mit Ewald Pfleger und Kurt René Plisnier und die spielten landauf landab das Burgenland und die Steiermark. 1977 war ich im Schlosspark von Kohfidisch beim ersten großen dreitägigen und völlig verregneten Open Air Festival, dort sind Opus noch in der Urbesetzung aufgetreten. Zum von Opus 1978 selbst organisierten Austria Rock Festival in Pinkafeld nahm ich schon ein paar Freunde im Renault 12 mit. Wir teilten uns den Sprit aber fuhren den Tank dennoch leer und schliefen im Acker bis die Tankstelle aufsperrte. Nach der Matura studierte ich Verfahrenstechnik an der TU um die Welt zu retten. Beim Besuch aller erreichbaren Jazz, Rock, Blues und Folk Festivals lernte ich unter anderen Bands auch Opus aus nächster Nähe kennen. Die unkonventionelle Lebensart der Musiker fand ich sehr attraktiv, weshalb ich von der Technik an die Uni wechselte um Kulturjournalist zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit 18 der Rockmusik auf der Spur

1984 gelang Opus dann mit „Live is Life“ eher zufällig ein Welthit, den die Spatzen auch heute noch überall von den Dächern pfeifen und der Jahr für Jahr ein schönes Sümmchen an Tantiemen beschert. Geld hat offenbar träge gemacht. Nach einer mit Outzeiten durchlöcherten Periode und Alben, an die sich nicht mehr viele erinnern, weil jeder bei der Erwähnung der Band automatisch „Na – na, na – na – na, all together now“ im Ohr hat, ist ihnen mit „Magnum“ wieder ein sehr solides Album gelungen. Vielleicht hat die Pandemie gedrängt, an die Altersvorsorge zu denken.

Tonight At the Opera Stimme und Moderation Herwig Rüdissser
Mastermind Ewald Pfleger und Tastenguru Kurt René Plisnier

Aber zurück zu „Magnum“. Während sich in 40 Jahren meines Lebens die Welt nicht nur geografisch mehrmals verändert hat, hören sich die neuen (FUTURE) Opus fast so an wie die alten (HISTORY) Opus. Ich hatte die Band für gut 20 Jahre aus dem Radar verloren. Auch der Großteil der Fans beim letzten Konzert in der Grazer Oper war etwa im Alter rund um die Pensionierung, wie Herwig Rüdisser in seiner launigen Moderation feststellte. Gibt es keine Evolution im Austropop? Stirbt die Generation mit dem Retrosound in einer sich verdünnenden „Opusphere“ (Titel Track 1) langsam aus?

Paul Pfleger beim Goodbye Concert 2021

Das wird wohl erst die nächste Generation beantworten können. Ewald Pflegers Nachwuchs ist ein gutes Beispiel. Hören wir also zu, wie Paul in die Zukunft rockt.

Gangway Buch

Andreas Felber – Vorwort

Foto: ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Ein Vorwort zu Gerald Ganglbauers Albumbesprechungen also. Klar. Immer gern für jemanden, der sich der unpopulären Textsorte der Rezension widmet. Die oft gescholten, vielfach vernachlässigt, in Zeiten der Online-Playlists mitunter gar als Anachronismus empfunden wird. Dabei ist die dahinter stehende Haltung essentieller denn je: hin- und zuzuhören, sich eine Meinung zu bilden, diese zur Diskussion zu stellen, sich zu exponieren statt indifferent in Deckung zu bleiben. Das alles im Bewusstsein, dass die eigene Wahrnehmung eben nicht mehr ist als genau das – und sie nur für ihren Urheber Gültigkeit beanspruchen kann. Diese Haltung ist wichtig. In diesen Landen, in dieser Welt. Weit über musikalische Sphären hinaus.

Wobei: Über Gerald Ganglbauers Reviews zu schreiben, seine Besprechungen gewissermaßen zu besprechen, das ist gar nicht so einfach. Sprengen sie doch immer wieder diverse Rahmen. Die Grenzen zu Konzertbericht und Musiker/innenporträt sind bei ihm fließend. Auch Autobiografisches findet sich ganz selbstverständlich eingeflochten, sodass man zuweilen über Gerald Ganglbauer mehr erfährt als über das eigentliche Thema der Betrachtung. Sollte man es Erlebnisbericht nennen? Ganglbauer beschreibt radikal subjektiv seine persönliche Annäherung, mitunter seine Annäherungsversuche an den Gegenstand seines Interesses. Er schwärmt, er schildert, er referiert, zitiert, informiert, unbekümmert, gutmütig, launig, stiloffen, steirisch. Kritik ist selten, aber es gibt sie. Wobei eine Formulierung wie jene, dass ihn eine bestimmte Musik „nicht vom Sessel reißt“, schon eine Art Höchststrafe darstellt. Eine sehr milde.

Legendär ist auch der Text zur CD „Time Out Time“ der Little Band from Gingerland, in der Ganglbauer genau genommen kein einziges Wort über die Musik selbst verliert, sondern darauf verweist, dass er heute ja für jedes Stück einen Spotify-Link in den Text einbauen könne, um die Musik für sich sprechen zu lassen – „statt dem müden Hirn in aller Früh schon gescheite Bemerkungen (…) abzulocken (…).“ Das hat etwas von Chuzpe – und Charme.

Dass man mit Gerald Ganglbauer nicht immer konform geht, braucht nicht erwähnt zu werden. Das liegt im Wesen des Metiers. Hier ist einer am Werk, der sich über das geschriebene Wort mit der Welt auseinandersetzt. Eine Welt, die ihn nicht loslässt, und die er nicht loslassen will, dank ihrer faszinierenden Vielfalt, ihrer Buntheit, ihres Überraschungsreichtums. Eine Welt, die zur Auseinandersetzung herausfordert. Seine Welt. Unsere Welt.

Wien, 19. Oktober 2021

Andreas Felber

ist gebürtiger Salzburger, Jahrgang 1971, und lebt seit 1991 in Wien. Dort arbeitet er als Radiomoderator, Musikjournalist, Musikwissenschaftler und Universitätslektor.

Gerald Ganglbauer (Hrsg.): Gangway Music Reviews. Aus Liebe zur Musik – 101 Alben 2013 – 2021. Gangan Verlag, Stattegg 2021, A4, 104 Seiten, durchgehend in Farbe, ISBN 978-3-900530-43-3, € 25