Eran Har Even – World Citizen

Challenge Records
Amsterdam 2020

Ich frühstückte im Retzhof mit den Israelis, die als Shauli Einav-Quintett zum Jazz Festival nach Leibnitz eingeladen waren. Die fünf Musiker kamen aus aller Herren Länder zusammen, der Gitarrist Eran Har Even zum Beispiel lebt in Amsterdam. Beim verabschieden kramte er eine CD aus seinem Gitarrenkoffer: Das ist mein Solo Projekt, hör dirs an. Aber nach einem herzlichen Masel tov! landete das Album vorerst ungehört im Regal und war vergessen. Bis heute.

Als heute Morgen zufällig „World Citizen“ zum Frühstück in meiner Playlist war, horchte ich auf. Jazz genau nach meinem Geschmack. Wer war das?

Eran Har Even als Gitarrist beim Shauli Einav-Quintett

Ich suchte das Album in den Regalen und spielte es mehrmals vollständig von der CD, deren Schachtel aus Plastik, einem Jewelcase, nochmal in einem Kartonschuber steckte, was nicht sehr umweltfreundlich anmutet, und als Verpackung längst vom Digipac abgelöst wurde. Das Artwork war in viel schlichtem Weiß und Beige gehalten und auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber akustisch war die weiße Scheibe jedoch ein Genuss, wie eben die Kompositionen eines Weltbürgers, der, wie ich und viele unserer Generation, alle Landesgrenzen ignoriert hat, unterschiedlichsten Kulturen (und Religionen) begegnet ist und sie schließlich zu seinen macht. Israel ist Heimat, Musik die Welt.

Unterstützt wird er auf dieser Reise von Xavi Torres am Piano, Haggayi Cohen Milo am Bass und dem Schlagzeuger Ivars Arutyunyan, allesamt Namen, die unsereins zwar nicht so leicht im Kopf behält, die man sich aber merken müsste.

Mehr über den Musiker, Komponisten und Musiklehrer – www.eranhareven.com

Spinifex – Beats The Plague

trytone
Amsterdam 2021

Mit Spinifex, diesen lästig-spitzen Grasbüscheln, habe ich vorwiegend in Western Australia Bekanntschaft gemacht. Die Samenkugelchen sind überall und Thongs schützen nicht davor, weshalb ich mir gut vorstellen kann, dass das Corona Virus keine Chancen hat, in dem heiß-trockenen Klima zu überleben. Und wenn es doch einen Versuch wagt, bläst ihm das holländische Sextett mit diesem Lockdown-Album den Gar aus.

Kein Vergleich, keine Ähnlichkeit, oder doch? Spinifex in Amsterdam und Spinifex in Western Australia (Photograph by Hesperian, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Nach drei Coronabedingten Terminverschiebungen waren sie dann doch laut und sehr lebendig im Grazer Stockwerk zu erleben. Mit sechs Mann auf der kleinen Bühne wurde es zwar etwas gedrängt, Jasper Stadhouders quälte seine Gitarre in nur einer Armlänge Abstand zu mir und dem energiegeladenen Philipp Moser, dessen Schlagzeug allein schon die halbe Bühne verschlang. Wir sahen uns regellrecht in die Augen. Diese intime Nähe regte an, mit den Musikern zu kommunizieren, was ich auch tat, wenn ich gerade nicht mit meinem (vorübergehend notwendigen) Gehstock auf den Boden dreschte. Die Ohren schepperten, obwohl Bläser und Schlagwerk ohne Strom auskamen. Es war mitreissend.

In zwei Sets ließen Spinifex das begeisterte Publikum wissen, wie die Pest zu schlagen sei. Mit tracks wie „The Voice Of Dust And Trash“, „Fuck The Pest“ oder „Sex And Pestilence“ bekamen wir musikalische Anleitungen, mit dieser fucking Pandemie zu leben. Alle sechs brachten sich mit kraftvollen Soli ein und diese europäische Mischung aus Musikern überzeugte mit großem Können und experimentellem Einsatz, obwohl keiner von ihnen jemals in Australien war und Spinifex gesehen hat.

Web: spinifexmusic.nl

Gerald Ganglbauer