Tiger Family – Tarantoga

Pumpkin Records
Wies 2018

Paul Pfleger, der im Tiger Familienbetrieb die Felle bearbeitet, hatte mich zum Album Release Concert eingeladen. Da ich die junge Band schon einmal in der Provinz gehört hatte, war ich neugierig genug, um mir das zweite Werk genauer anhören zu wollen. Man lud in den Guest Room, den ich nicht kannte und das Poster weder Adresse noch Beginnzeit preisgab. Auf Facebook wurde ich fündig, der Venue sei in der Beethovenstraße und beginne um 19 Uhr. Ich war knapp dran und schaffte es gerade mit der akademischen Viertelstunde, den unscheinbaren Kellereingang zu finden, Oje, ich hörte schon Musik aus dem Gewölbe und hatte nun den Anfang verpasst … Doch nein, die Jungs waren beim Soundcheck und ich war der einzige Gast. Das war wie eine private Show!

Tiger Family beim Soundcheck im „Guest Room“

Die Band ging danach erstmal einen Happen essen und ich wartete geduldig im Gastgarten nebenan und hatte kurzweilige Gespräche mit anderen Gästen, die schön langsam bis 22 Uhr eintrudelten. Als sich der Keller mit genügend Zuhörern und Rauch gefüllt hatte, ging es dann fast unbemerkt los. Zwei Stücke wurden gespielt, die gar nicht auf dem Album waren, aber das schien nicht so wichtig zu sein. Ich hatte nur den „Saint Traveller“ zuvor auf YouTube gehört, und dieser Tune gefiel mir. Es erinnerte an Country Music aus der Zeit von Crosby, Stills, Nash and Young, vielleicht wegen der Slide Guitar oder der wie beiläufig begleitenden Stimme. Der sechsköpfigen Band, einer Großfamilie mit Verwandtschaft bei Spring and the Land und Stereoface schien es  – wie schon bei der Beginnzeit – ganz und gar nicht um lange geübte Präzision zu gehen, sondern um den Spass, wovon so manch ein daneben gegriffener Ton zeugte. Aber Chillen ist eben wichtiger, als Versprechen einzuhalten, wie z.B. mir am nächsten Morgen gleich das Pressematerial zu schicken, auf das ich heute noch warte. Aber es geht auch ohne, wie man sieht.

PS.: Versucht erst gar nicht, eine CD irgendwo zu kaufen. Tarantoga gibt es nur als Download oder als LP. Ich gebe gerne zu, dass Vinyl Records cool sind, aber die Vorzüge des digitalen Speichers sind einfach unschlagbar. Nur die kleinen Heftchen mit Lyrics, Credits und was einer Band sonst noch wichtig erschien, gibts ohne CD nicht. Dabei könnte man das genausogut auch einer mp3 Version als PDF beilegen. Nur so als Idee.

Stereoface – Jaws

Album Release

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, heisst es. Als ich Paul Pflegers neues Album Jaws auflegte, musste ich mich erst einmal vergewissern, dass ich die richtige Tonquelle gewählt hatte, so sehr überrascht war ich von der Musik seiner Band Stereoface. Was da aus den Lautsprechern kam, war feinster Rock, der aus den 70er/80er Jahren  hätte sein können. Nun ja, man muss wissen, Pauls Vater Ewald „Sunny“ Pfleger ist Gitarrist und Songschreiber bei OPUS. Ich habe beide einmal gemeinsam bei einem Benefizkonzert in der Grazer Oper auf der Bühne gesehen. Dass Paul die Plattensammlung seines Papas gehört und diese Songs sehr genau studiert haben muss, war, wie gesagt, eine Überraschung. Schließlich erwartet man vom Nachwuchs Hip-Hop, Techno oder sonst etwas elektronisches … eben alles, nur nicht Rockmusik mit „richtigen“ Instrumenten, wie sie noch von ihren Eltern gespielt wurden.

Mitbegründer Nino Kadletz, sowie Antonio Marghariti, Günther Paulitsch und Lukas Schneeberger sind die weiteren Bandmitglieder, die uns mit Jaws ein Album vorlegen, das zwar von der Musik der Altvorderen ausgeht, aber beim genauen Hineinhören sehr eigenständig mit den Instrumenten einer klassischen Gitarren-Rockband umgeht. Immerhin ist es das fünfte Album, das die Grazer Band in zehn Jahren produziert hat.

Graz rockt

Was in Baby Be My Valium unscharf an Black Sabbath erinnert, wird in You Bark I Bite und Superhuman Inhumanities ein bisschen zu Nirvana. Oder Oasis. Aber was soll’s, die Tunes auf Jaws sind doch einzigartig und You Ain’t Old Enough könnte sogar in die FM4 Charts passen.

Alle Titel auf dem Album werden von den durchgehend englischen Lyrics Paul Pflegers „gestimmt“ und entweder von einem groovigen Bass oder schnellen Drums getrieben, bis auf den etwas unruhigen Tune Sharks, der nicht Fisch nicht Fleisch zu sein scheint.

I Don’t Wanna Be Free hat einen Touch Metal, aber Sharksheep (I Don’t Wanna Know You Too) gönnt dem Album ein sanftes Ende. Alles in allem ist Jaws von 30+ bis 60+ durchaus  tanzbar, analog auf Vinyl zu haben, jedoch auch digital bestens geeignet, im Autoradio etwas lauter gehört zu werden.

The National – Sleep Well Beast

4AD records
Großbritannien

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Im Mai 2017 gab die Band bekannt, dass das neue Album Sleep Well Beast im September in die wirklichen und virtuellen Regale der Plattengeschäfte kommen würde. Das Album erschien tatsächlich am 8. September 2017 als das siebente der New Yorker Indieband und hat mich wiederum ganz tief berührt.

Um auszuholen: das erste Mal habe ich The National vor rund zehn Jahren als hierzulande noch weitgehend unbekannte Band auf den Grazer Kasematten gesehen, wo mich Matt Berninger fast umgerannt hätte, als er sich auf seinem Publikumsbad mit dem extra langen Mikrofonkabel einen Weg mitten durch die Zuhörer gebahnt hatte. Vojo Radkovic hatte diesen Gig als einen seiner letzten in Graz auf die Bühne gebracht. Sie tourten gerade ihr fünftes Album, High Violet, auf dem der wunderschön traurige Tune Runaway meinen seinerzeitigen Liebeskummer noch um eine Potenz verstärkte. Dann folgte ein steiler Aufstieg bis zum legendären Konzert vor dem Sydney Opera House im Sommer 2014. Warum ich die Band mag, liegt aber nicht nur im Privaten.

The National live am Grazer Schlossberg @ 2010 Gerald Ganglbauer

Matt besitzt eine unverwechselbare Stimme, einen Bariton, der zart und sanft und ab und an auch quer zum Rhythmus die Lyrics in die Musik einwebt. Er wirkt authentisch, weil er auf der Bühne unruhig hin und her jagt, als ob ihm die Zeilen gerade einfielen. Ja, und die Musik selbst ist auch der Band eigen, die vor allem durch die satten Drums des Schlagzeugers Bryan Devendorf geprägt wird. Apropos Besetzung: Bryans Bruder Scott Devendorf bedient Bass und Gitarren, und ein weiteres Bruderpaar, Aaron Dessner, Gitarre, Bass, Keyboards und Bryce Dessner, Gitarre und Keyboard, machen The National fast zu einem Familienbetrieb. Seit der Gründung 1999 ist die Band zu einem gut aufeinander eingespielten Klangkörper zusammengewachsen, kennen sie sich doch schon aus der Studienzeit in Cincinnati, Ohio, wo sie aufwuchsen und in verschiedenen Outfits zusammen gespielt hatten.

Vom nach dem Namen der Band getitelten Debütalbum, das 2001 erschienen ist, bis zu Sleep Well Beast spannt sich Geschichte, in der sich bei den Bandmitgliedern sichtlich so viel getan hat wie in meinem Leben, oder dem ihrer zahlreichen Fans. In High Violet (2010) zeichnete sich die Richtung mit Terrible Love bereits ab. Ihr vorletztes Album, Trouble Will Find Me (2013) zeugte mit dem melancholischen I Need My Girl von den Parallelen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen.

In der Neuerscheinung mit dem düsteren Cover lesen sich auch die Titel der Tracks wie das Protokoll einer Scheidung – dunkel, pessimistisch und endgültig – denn im Leben wie in Matts Liedern geht es um das Scheitern der Liebe: Nobody Else Will Be There, Day I Die bis hin zu I’ll Still Destroy You und Guilty Party sprechen für sich. Eine der Zeilen: Keinen von uns trifft eine Schuld, wir haben uns einfach nichts mehr zu sagen. Ich würde Matt liebend gerne kennenlernen und Erfahrungen austauschen. Mal sehen ob ich nach New York City komme, oder ihm irgendwo auf der Welttournee der Band begegne, sofern er mich nicht wieder überrennt. Tourdaten sind hier: americanmary.com

Spring and the Land – Summerset

CD und Vinyl

Wer in der Popmusik überleben will, muss drei Kriterien erfüllen.

1. Die Musik/Besetzung und/oder Stimme muss so unverwechselbar einzigartig sein, dass man sie im unendlichen Musikbrei sofort erkennt, wie zB. David Surkamp (Pavlov’s Dog), Michael Stipe (R.E.M.), Phil Collins (Genesis). Auch Voodoo Jürgens, Klaus Nomi oder Norbert Wally ist bzw war diese Qualität eigen, um auch deutschsprachige Musiker zu nennen.

2. Man muss in der „richtigen“ Stadt leben. New York, Melbourne oder London bieten Musikern unendliche Möglichkeiten an Labels und Venues. Graz, Wies und nicht einmal Wien gehören in diese Kategorie, Berlin vielleicht.

3. Man muss mit Produzenten, Kritikern und MTV Redakteuren „schmoozen“ können, um das jiddische Wort zu bemühen, und mit den wichtigsten Radiostationen auf du und du sein. Auf FM4 gespielt zu werden ist cool, aber noch lange nicht die Welt.

Warum ich diese Präambel zu der Besprechung des zweiten Albums einer Band mache, die ich bislang noch nicht kannte, liegt auf der Hand. Spring and the Land hat diese Stimme, die einen schon im ersten Track, The Meadow, fasziniert und regelrecht überfährt. Die Kopfstimme und und die kleinen Risse und Unebenheiten sind einzigartig und im dazugehörigen Videoclip sehr schön herausgearbeitet.

Warum es diese auch handwerklich sehr gute Formation um Jacques Bush, Gitarre & Gesang und Marino Acapulco, Schlagzeug, (die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt) auf der internationalen Landkarte der Popmusic noch immer nicht gibt liegt daher an Punkt zwei und drei. Die Musiker sind Grazer und viel zu sympathisch, um sich auf schmoozen zu verstehen.

Auch Dogboy!, die voraus gegangene Electronic-Formation der beiden mit dem Debutalbum Watersports, das bereits im Jahr 2002 erschienen ist, hat es nie nach Australien geschafft und nicht einmal in Österreich die Charts erobert.

Ich verdanke es Pumpkin Records unermüdlichem Wolfgang Pollanz und seinem kleinen aber feinen Pumpkin Pool Festival am 1. September 2017 in Wies, die Band persönlich kennengelernt zu haben. Nach diesem intimen Gig keimt in mir die Hoffnung, dass es  heimische Musiker doch noch schaffen werden, über die Grenzen hinaus bekannt zu sein und mit Popmusik nicht nur zu überleben, sondern wie Sterne zu scheinen.

Band Website – https://www.springandtheland.com/

Nick Cave – Skeleton Tree

AIR Studios
London 2016

Nick Cave und ich haben einiges gemeinsam: Wir sind gleich alt, lebten beide in Australien und lieben Musik und Literatur und das Internet. Ich habe ihn zwar nur einmal in Wien getroffen, aber ich weiß, dass wir beide auch die dunkle Seite der Welt kennen, wenn wir um einen geliebten Menschen trauern und das öffentlich tun. Ich in Büchern, er mit einem Album wie Skeleton Tree, Trauerarbeit für den Verlust seines Sohnes. Am 14. Juli 2015 verunglückte Arthur Cave tödlich, der 15-Jährige stürzte an Englands Südküste von einer Klippe.

Das Cover ist schwarz. Kein Design. Kein Verkaufsspin. Cave schenkt es einfach der Welt. Weltweiter Release über das Internet. Cave läßt die Welt teilhaben an seinem Verlust, aus dem die Welt wiederum wunderschöne traurige Lieder erfährt und die Bad Seeds den Ton wie immer auf den Punkt treffen.

Ich höre und liebe die Lieder von Nick Cave & The Bad Seeds nun schon seit 1983, also seit der Bandgründung mit Blixa Bargeld in Berlin, dann dem „Himmel über Berlin“ (Wings of Desire), das sind bereits einige Jahrzehnte, „The Ship Song“ ist immer noch einer meiner Alltime-Favorites. Das gegenwärtige Album ist jedoch das dunkelste: „When you feel like a lover, nothing really matters, when the one you love is gone.“ (I Need you) hat mich zu Tränen gerührt.

Und da ist auch noch „One More Time With Feeling“ ein zweistündiger, in Schwarz-Weiß gedrehter Film. Auch darin Trauerarbeit. Die Kameras zeigen ihn bei der Studioarbeit, in die Aufnahmen sind Interviewszenen hineingeschnitten, in denen Cave über den Sinn des Lebens und den Tod reflektiert. Den Film habe ich noch nicht gesehen und will ihn vielleicht auch gar nicht sehen. Die Musik berührt mich tief genug und die Worte, sagt Nick Cave, sind mächtig. Dem kann ich nur zustimmen.

Nick Cave & The Bad Seeds | „I Need You“ 2016

Nick Cave & the Bad Seeds’ sixteenth studio album, Skeleton Tree, is out now on vinyl, CD and across all digital platforms.

VIECH – YEAH

LasVegasRecords
Wien 2016

YEAH, zwei Jahre sind übers Land gezogen, seit ich mit Andreas Klinger ein längeres Gespräch in einem Café in der Grazer Innenstadt führte und das VIECH ist inzwischen herangewachsen. Neue Köpfe sitzen mit Andi und Paul am Küchentisch, wo sie ihre Texte „in lyrischer Basisdemokratie“ schreiben: Christoph Lederhilger, David Reiterer und Stephan Paulitsch. Fünf g’standene Steirer, ein Kollektiv ohne Frontmann, denn die bärtigen Burschen kochen alle auch an eigenen Süppchen. Wie ich schon zum Duo anmerkte, sind das fleißige Vollblutmusiker und sehr kreative Texter.

Da ich den „Steuermannn“ zu meiner persönlichen Hymne gemacht habe, war meine Erwartungshaltung hoch, was das zweite Album betraf. Ich muss zugeben, dass ich es ganz gierig heruntergeladen habe, aber dann erst eine Weile abliegen lassen musste, bis es sich in meinem Kopf ausbreiten konnte. Ich denke, dass es zu schnell ins Tanzbein ging, was von den genialen Texten ablenkt, die mit so ziemlich allen Sprachhülsen aufräumen. Aufmerksames Zuhören vorausgesetzt.

„Der Sandmann streikt“ scheint ein Bindeglied zum früheren VIECH, das mit weniger dafür schräger Instrumentierung auskam. „Deine kalten Füsse“ [tanzen schlecht] kommt in den letzten Takten wieder dorthin, aber durch das Album treibt eben der Beat einer vollständigen fünfköpfigen Band. Ich denke zwar, dass VIECH damit bei einem größeren Publikum punktet, mir aber fehlen die leisen Stellen zum Ausruhen, zum Zuhören, auch wenn die Worte herausgeschrien werden. In „Dr Love“, einer romantischen Liebeserklärung per Kontaktanzeige, gelingt das noch am ehesten und „Heute nichts und morgen mehr davon“ ist wiederum ein Lied ganz nach meinem Geschmack. Die beiden konträren Singstimmen, der abstrakte Text, die zurückgenommene Lautstärke, das stärkere Akzentuieren zarter Klänge.

Wunderschön.

VIECH YEAH | Foto © Maximilian Salzer 2016

Rachel Sermanni – Tied to the Moon

Middle of Nowhere Recordings
Glasgow 2015

Ich hatte das Glück, Rachel vor zwei Jahren in Gleisdorf kennenzulernen. An jenem Abend war meine Freundin krank und musste daheim bleiben. Dass ich dennoch mit anderer Begleitung dort war und von der hübschen Sängerin aus Schottland so schwärmte, hat sie mir lange vorgeworfen. Alles nachzulesen im Gangway Kulturmagazin.

Damals hatte ich Rachel Sermanni als sehr junge Frau mit der Stimme eines Engels wahrgenommen und war umso mehr überrascht, sie nun als schwarz-weißen Akt am CD-Cover zu sehen, mit rot akzentuiertem Kussmund und ihren gut getroffenen unschuldigen Augen. Will sie uns damit sagen, es sei vorbei mit der jugendlichen Naivität in der Liebe, von der ein Großteil ihrer Balladen handelt?

Den Reigen von zehn Liedern eröffnet „Run“, ein für Rachel Sermanni unüblicher und irgendwie an Patti Smith erinnernder Song mit montoner elektrischer Gitarre und ebensolchem Schlagzeug. Ein Singer/Songwriter wird zur Band setzt sich in „Wine Sweet Wine“ fort und bestimmt etwa die Hälfte der Songs. Erst in „Old Lady Lament“ und „Begin“ hört man wieder genau jene Stimme, die man vom Debütalbum Under Mountains kennt und liebt, wird aber in „I’ve Got a Girl“ schnell belehrt, dass sie auch andere Seiten zeigen kann, als die einer süßen Tomate.

„Don’t Fade“ ist für mich der Schlüssel zu Tied to the Moon. Ein samtener Song über das Verblassen von Gefühlen, in dem sie ihre Stimme sehr schön zur Geltung bringt, und der nur sehr zart instrumentiert ist. Als Gegenstück könnte „Tractor“ herhalten, ein Popsong mit schrillen Tönen und einem fast aufdringlichen Beat, der mir gar nicht gefällt.

Die Ballade vom „Ferryman“ hingegen wird begleitet von den typischen Klängen einer Ukulele und die Schottin zeigt uns, dass ihre Stimme auch noch höhere Töne erklimmt, bis sie von Streichern abgelöst wird, um die Geschichte einwirken zu lassen: I asked the old man about crossing the river. In ihrem nächsten Song, „Banks Are Broken“ lässt sie sich von einer nie zuvor gehörten Stimme ablösen, Jennifer Austin, die sie traumhaft ergänzt. „This Love“ erzählt schließlich mit den zusätzlichen Stimmen von Nicola und Fiona MacLeod von den immer wieder kehrenden Schmerzen der Liebe.

Rachel Sermanni live im Kulturkeller, Gleisdorf | © Gerald Ganglbauer

Fans der sympathischen jungen Sängerin aus den Highlands, die all ihre Lieder selbst schreibt, werden sich das neue Album zulegen müssen.

Rachel Sermanni live im Kulturkeller, Gleisdorf | © Gerald Ganglbauer

Saint Chameleon – Sail

Soundcloud
Graz 2015

Das erste Mal habe ich Saint Chameleon vor einem Jahr rein zufällig in der Papierfabrik in Graz gehört. Das war gerade der zweite oder dritte Auftritt der ganz jungen Band um Lukacz Custos und Luka Sulzer, deren Ursprünge bei einem Treffen der beiden in den Straßen von Graz im Jahr 2010 liegen, als Lukacz als Straßenkünstler auftrat. Beiderseitiges Interesse in jeder Art von Musik machte die Entscheidung in einem musikalischen Projekt zu kollaborieren einfach und so wurde Saint Chameleon eine Fusion aus Indie-Rock und Gypsy Musik, irgendwo zwischen Tom Waits und Django Reinhardt und überall drumherum.

Damals hat mich die Stimme von Luka gefesselt, dieses seltene Tremolo war prägnant, das erinnerte mich an David Surkamp, allerdings mit einer höheren Falsettstimme, in Pavlov’s Dog. Als ich später mit Luka redete, erklärte er dieses Zittern käme von anfänglichem Lampenfieber, das er mittlerweile aber kultiviert habe. Nun, ich muss sagen, mit seinen 22 Jahren (geb. 25.1. 1993) wirkt er auf der Bühne sehr selbstbewusst. Ich habe die Band in Graz noch drei Mal live gesehen, in der Postgarage, in der Brücke und im PPC. Diese jungen Leute begeistern ihre Zuhörer jedes Mal und lassen kein Bein still stehen. Das sind Tanz-Rhythmen, die unter die Haut gehen.

Saint Chameleons Luka Sulzer im p.p.c. | Foto © Claudia Parenzan

Saint Chameleon in der Postgarage | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Von Live Gigs zu Studioaufnahmen ist es allerdings ein weiter Weg, den die Gruppe zunächst mit einer Debüt-EP markiert: SAIL, mit den drei Songs: “Johnny”, “The Difference of the People” und “Sail”.

Mein Lieblingslied zum Mitsingen:
The Difference of the People
(Musik und Text Luka Sulzer)

Some is silent in here
Some is loud out there
Some is tired
Some is filled with fear
Some is in action, runs away
The difference of the people
Is what makes this world this rich
The difference of the people
Is what makes it worth to live

And wouldn’t it be this way
We would all be the same
So we wouldn’t be able to love
Because we could know each others thoughts

Die “Sail” Release Show am 23. April im PPC hat deutlich gemacht, dass diese junge Band nicht nur eine EP, sondern ein erstes Album verdient hätte. Allein schon wie die sieben Musiker den Abend pünktlich um 22 Uhr mit einem kräftigen a-capella Chor eröffneten, löste im Publikum Begeisterung aus. Ich war richtig stolz auf die Jugend und wünschte, der Executive Producer eines großen Plattenlabels würde diese Show erlebt haben: Saint Chameleon hätte sofort einen Plattenvertrag in der Tasche. So gut waren sie allesamt, Musik im Blut, gut zusammen gespielt und Luka Sulzer strahlte Charisma auf der Bühne aus. Der schüchterne junge Absolvent der Ortweinschule, Abteilung Kunst wuchs innerhalb des Jahres, seit ich die Band in der Papierfabrik nach einem Geheimtip zum ersten Mal gesehen hatte, parallel zur Größe der Bühne zum echten Rockstar heran. Backstage frage ich ihn nach seinen Plänen und er weiss sich zu positionieren und kann sich ein Leben im Showbiz durchaus vorstellen. Dabei wünsche ich ihm und der großartigen Band, allen voran dem “großen” Francesco Doninelli an der Violine, alles Gute und viel Erfolg!


Videos © Clemens Niel 2014 and Gerald Ganglbauer 2015

Saint Chameleon in der Brücke | Fotos © Gerald Ganglbauer 2015

Bilder und Videos (2014/2015) von den jüngsten Konzerten der Band, die aus sieben Mitgliedern aus fünf Ländern besteht: David Dresler, Lukacz Custos, Luka Sulzer, Kajetan Kamenjasevic, Emilano Sampaio, Francesco Doninelli und Thilo Seevers.

VIECH – VIECH

sevenahalf records
Graz 2013

Neulich hat mir eine Freundin auf YouTube eine junge Grazer Band gezeigt und es war Liebe auf den ersten Ton. Jaaa! gröhlten mir da zwei fesche Jungs ins Ohr: Jaaa! und ich musste sofort mitgröhlen bei „Steuermann“, so heisst das Stück, das sich nach dem Jaaa! mit folgenden Worten ins Ohr, in den Kopf schleicht:

Ziehst mich an den Nasenhaaren / Danke geht schon komm zurecht / Den edlen Freund und Kupferstecher / Schickst du tanzen kommt grad recht / Wenn ich bleib holt mich der Krampus / Masken stehen dir doch zu gut / Recht vor Schönheit da bist du / Wirf den Anker das heisst Gas / Steuermann / Wir fahren gegen Gestern / Ja und dann / Dann und wann / Sehn wir die Gespenster… und wieder gröhlt inbrünstig ein Piratenchor oder der städtische Männergesangsverein oder unbeschwerte Pop Sänger und der Zuhörer gröhlt dazu, was allen sichtbare Freude bereitet während die betrunkene Fahrt mit dem Steuermann fortgesetzt wird:
Darf ich in deinem Hafen parken / Wer schön sein will kommt nicht zu spät / Ziehst vor mir den Masten ein / Ich such dich in den Segeln heim / Gib schonmal das Ruder her / Zieh die Fragen kreuz und quer / Wenn ich in deine Gänge komm / Bau ich auf Nägel ohne Köpfe / Steuermann / Wir fahren gegen Gestern / Ja und dann / Dann und wann / Verhaun wir die Gespenster.

Wow, was für ein schöner schräger Text, der mit unheimlich viel Spass rüberkommt, wenn Andreas Klinger und Paul Plut mit ungewöhnlich instrumentierten Klängen, eingetrommelt mit simplem Beat und ihren einzigartigen Stimmen aus einer Mischung von Samt und Marlboro ihre Lieder intonieren. Ich hatte das Glück, die beiden Backstage bei einem Konzert kennen zu lernen und ziehe meinen Hut. Denn nebenbei arbeitet Andreas Klinger in einem Sozialberuf und Paul Plut ist Volksschullehrer und außerdem noch in einer anderen Band beschäftigt: „MARTA is a garage band with a dirty sound and rock ’n’ roll virtue that has a knack for flexing the pop muscle. We write love songs for losers and sing shanties for seasick sailors“.

Andreas Klinger & Paul Plut live | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Sehr fleissig. Denn von VIECH gibt es nicht nur die Single „Steuermann“ (2013) sondern bereits ein ganzes Debütalbum – und ein zweites ist in Arbeit. Das kreative und sehr sympathische Duo aus Graz hat sich im September 2011 formiert und ist nicht zu stoppen. Meiner Meinung nach verdient VIECH ein grosses Publikum, das weit über den deutschen Sprachraum hinausgehen könnte. Ich kann mir sehr gut tausende Japaner bei einem Konzert in Tokyo vorstellen, die mitgröhlen: Ja und dann / Dann und wann / Sehn wir die Gespenster… Warum auch nicht, denn man muss ja nicht alles verstehen. Manchmal versteht man Worte nicht einmal in seiner Muttersprache, aber man gröhlt sie trotzdem. Sind wir seekranke Matrosen?