Patiri Patau – Für immer Swoboda

Seidenpapier Wien
VÖ 18.06.2021

Das Genre „Alternative Deutsch“ ist immer wieder für Überraschungen gut. Nächste Woche erscheint in dieser Schublade das Debütalbum einer fünfköpfigen Band aus Wien mit dem seltsamen Namen PATIRI PATAU (immer in Großbuchstaben), die Texte des Kabarettisten Homajon Sefat musikalisch so wunderbar erinbettet, dass sie sich in seiner Stimme wie Gedichte anhören. Da spielt es keine Rolle, dass er nicht wirklich Gesang studiert hat. Sagt ja keiner, dass ein Kabarettist singen können muss. PATIRI PATAU (aka Die schönste Band der Welt) wollen eh nicht in eine Schublade gestopft werden.

Es begann, glaube ich, vor ein paar Jahren mit dem Nino aus Wien, der, weder mit ausgebildeter Stimme, noch durch herausragendes Gitarre-Spiel glänzte, die Lyrics in einem geraunzten Sprechgesang rezitierte. Mittlerweile gibt es einige Bands, die keinen Freddie Mercury haben, aber dennoch in jedem Detail verstanden werden, was auch auf PATIRI PATAU zu11trifft, deren Lyrics allesamt deutsch sind. Die Platte könnte ein Prolog zum Kabarett-Programm SOLO sein. Selbst wenn wir near native English sprechen, erkennen wir in der Muttersprache auch noch die nuancenreichsten Emotionen. Peter Weibel hat mit dem Hotel Morphila Orchester bereits 1975 ähnliche Zeilen aus seiner Seele gequetscht, wie das unvergessliche „Liebe ist katastrophal, Liebe ist ein Hospital“.

Patiri Patau sind Homajon Sefat (Stimme/Lyrics), Andreas Gaubitzer (Gitarre/Gesang), Alexander Bartuschka (Mandoline/Gitarre), David Mazanek (Bass) und Christian Veit (Schlagzeug)©️ Christopher Glanzl
  • „Der Sommer ist vorbei und keiner geht hin“ (Weiße Wände)
  • „Ja, Liebe macht blind
    Seit ich dich kenne, habe ich sieben Dioptrien“ (Jalousie)
  • „Ich bin arm, und geizig
    Deshalb heiz‘ ich mit Briefen
    Die du nie schreibst“ (Von Währing nach Kritzendorf)
  • „Ich bin für dich da
    Außer ich bin nicht da“ (Hemd)
  • „Was man nicht kleben kann
    Muss kaputt bleiben“ (Avocados)
  • „Noch ein Kuss, dann ist Schluss“ (Entschleunigt)

Das sind kabarettreife Ansager, die sogar aus dem Kontext gerissen wirken. Irgendwer hat sie als „Poesie in der scheinbaren Banalität des Alltags“ bezeichnet. Kommt hin. Die Platte könnte daher als ein Prolog zu Homajon Sefats Kabarett-Programm SOLO gesehen werden, (wo übrigens ein alter Bekannter Regie führt) steht aber unabhängig im Raum.

Auch die visuelle Seite der Band ist schräg, sonnengelb mit unscharfen Fotografien, die wirken, als ob sie aus den 50er oder 60er Jahren (der Jugend des Schreibers) stammten. Eine Frage bleibt ungeklärt: Wer zum Teufel ist Swoboda?

Die einzige Referenz zur gegenwärtigen Pandemie findet sich in den letzten vier Zeilen von Entschleunigt, die auch meinen Beitrag zu Ende bringen.

  • Nein, wach waren wir nie
    Wir schlafen schlecht
    Mit Corona kam die Einsamkeit
    Nie wieder Nachtdienst

Tour dates – www.patiripatau.at

Gerald Ganglbauer

Kayomi – Kayomi

Kerberos Records
Wien, 18.6.2021

Ein Debütalbum zu besprechen, ist immer ein gewagter Versuch. Noch größer ist das Risiko, wenn mann man die Band nicht kennt, keines ihrer Konzerte gehört hat – was in Zeiten der Corona Pandemie gar nicht verwundert – und daher ausschließlich auf die Musik auf einem Tonträger angewiesen ist.

Die Verpackung der CD liefert weitere Anhaltspunkte. Das auf wenige Farben auf schwarzem Hintergrund reduzierte abstrakte Cover trägt nur das geheimnisvolle Wort KAYOMI in Stencelschrift genau in der Mitte, wie auf einer Kiste. Ein auf teuflischem Rot gedrucktesTextheft mit ausnahmslos englischen Lyrics liegt bei. Ist das eine Band aus Wien oder sind das Südseepiraten? Sehen wir sie uns einmal an.

Foto: Bettina Pscheidl

Im FM4 Soundpark definieren sich die fünf Musiker als „Vienna’s own indie rock combo – rooted in the vast legacy of rock“, und weiter, dass sie nicht einfach nur Musik machen, sondern Klangräume schaffen, die das Publikum einbinden. Und dazu fehlt den Bandmitgliedern weder die Ausbildung (Vienna Music Institiut, Musikschule Ottakring) noch das zusätzliche berufliche Engagement, sei es als Musiklehrer, im Kammerorchester oder in der Bigband.

Alexander Kuroll (Sänger, Gitarrist, Texter und ehemaliger Sängerknabe), Alexander Distl (Schlagzeug), Christian Woltron (Flötist und Sänger), Georg Pinter (Bass) und die queere Juliane Weselka (Saxophonistin und Sängerin) machen seit 2019 soliden Rock, fetzige Tanzmusik, die auch inhaltlich Bedeutung hat. Die zwölf Songs auf dem Album sind „eine Fahrt im Mondlicht für die scheinbar ausweglosen Momente auf nächtlichen Straßen“. Im Song „Heal Me“ wird das Quintett quasi zu einer Selbsthilfegruppe für Mental Illness.

Auch die Gottesanbeterin „Yomi“, die sich Juliane als Haustier hält, findet sich im Song „Praying Mantis“, „I’m inside you, sucking up what you offer…“ Autsch.

Offizielle Band Website kayomimusic.com

Gerald Ganglbauer

Flickentanz – Handgemacht

Silvertree Records
Wien 2019

flickentanz_handgemacht„Handgemacht“ ist das Debütalbum der Wiener Liedermacherin Daniela Flickentanz, und handgemacht auch die einfache, schöne Musik, mit der die Künstlerin vornehmlich über die Liebe nachdenkt.

Handgemacht ist auch das Crowdfunding der CD und Danielas persönliches Marketing. Interessant, welche Wege sich einer jungen Künstlerin heutzutage öffnen. CD-Präsentation 25.9.19 um 19.00 im Theater Arche, Wien.

Info: www.flickentanz.at

Simon Fanta – Eigenmarke

redpmusic
Wien 2019

Eigenmarke

Als „Premium Quality German Rap“ preist der virtuelle Sticker das zweite (nach „Amsterdam“) digitale Album des noch ganz jungen Wiener Hip-Hop Musikers an. Nicht mein Genre, aber ich höre neugierig rein und bin ganz überrascht.

„Eigenmarke“ ist auch für meine Generation (Baby-Boomer) hörbar und sehr aufschlussreich. Denn für Simon Fanta sind schon die „Zero’s“ historisch, als man noch CDs auflegte und nicht gern allein war. Die Labels wollten Gangster-Rap, die Rapper „Gold and Chicks“. All das ist heute out und wird in den frischen Texten mit viel Ironie begraben. Trotzdem ist man nicht gern allein, Mädels aufreissen und sich trennen unumgänglich … hm, war das in den 70ern denn anders … bloß heute gibts „YouPorn, aber der macht auch nicht mehr geil“. Und „es wird weiter gehen“, Respekt, immerhin man macht sich auch Gedanken für „irgendwann“, viel später, in der Rente.

Ein Wort noch zum gegenwärtigen Konsumverhalten (der Jugend). Music und Music Videos sind untrennbar verknüpft, weshalb ein Besuch bei www.simonfanta.com dringend anzuraten ist.

Nature – Walk the Edge

FabSoud Records
Wien 2019

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nature (kleinschreibung) ist eine ganz junge Band aus Wien, die ich noch nie gehört, gesehen, geschweige denn gekannt habe – und dennoch versuche ich mich an einem kleinen Hinweis, weil mir deren Debüt Single „Walk the Edge“ gefällt.

Österreich ist in der Tat begnadet mit grossen Söhnen (und Töchtern, selbstverständlich) und diese jungen Herren Michael Burger (Vox), Andy Liu (Git), Rich Messner (Bass), und Mathias Holzner (Drums) zählen mit ihrem Erstling schon jetzt zu jener Kategorie.

Der Pressetext spricht von „Rock Pop vom Feinsten, der unter die Haut geht“, jedoch müssen die Newcomer am 8. Mai  im WUK (Wien) mit einem Konzert erstmal den Beweis antreten, dass das weit auch weit über die 04:17 des ersten Songs hinausgeht. Danach kann der Download losgehen.

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Photography by Ben Leitner

Café Drechsler – And Now…Boogie!

Universal Music
Vienna 2017

Es war während des Jazzfestivals Leibnitz. Mit dem Schlagzeuger Alex Deutsch sass ich zufällig eines frühen Morgens beim Frühstück am selben Tisch. Neben einer Facebook-Freundschaft ergab das daraus folgende Gespräch großes Interesse an dem neuen Album, das nach zehn Jahren schöpferischer Pause im Trio mit Oliver Steger (Bass) und Ulrich Drechsler (Saxophon) entstanden war: And Now…Boogie! und ich versprach, mir die CD gleich anzuhören und sie zu besprechen.

Das liegt nun schon gut ein halbes Jahr zurück, aber mein Versprechen wird immer gehalten und nun sollen Worte beschreiben, was ich mit großem Genuss in Leibnitz live erleben durfte. Vorweg die Geschichte, wie es zum Namen  des Trios kam – das Café Drechsler ist tatsächlich ein Wiener Kaffeehaus, jedoch nicht mit dem Saxophonisten gleichen Namens verwandt – aber das kann die Band auch selbst erzählen.

Ich war müde, es war wohl schon fast Mitternacht, aber dennoch wollte ich das Konzert im Marenzikeller nicht verpassen.  Und siehe da, die Müdigkeit wurde von der Musik weggeblasen, die Beine tanzten unentwegt und von irgendwoher flutete Dopamin in mein Hirn. Ich war gut gelaunt, tanzte in vorderster Reihe und ließ mich vom Tempo der drei Profis mitreissen. Ein akustisches Trio, auch wenn es in iTunes unter „Electronica“ gehandelt wird, habe ich noch nie so schnell spielen gehört. Bass und Schlagzeug bauen den Highway, auf dem das Tenorsaxophon fährt. Und wenn ich die Augen zumachte habe ich mich in einem offenen Mustang über diese Autobahn fahren sehen und mit jedem neuen Tune wechselt die vorbeiziehende Landschaft. Vielleicht sollte die CD eine Warnung tragen, nicht im Auto gespielt zu werden, wenn man Speeding Tickets vermeiden will. Genial. Dabei sind auch zwei Tunes mit Text drauf, auf Samptpfoten rezitiert Yasmo „Mir geht’s gut“ über Befindlichkeiten („Ich reich die Hand um zu zeigen, dass sie keine Waffe trägt“) am Tune „On Velvet Paws“ und ein RAP von FlowinImmO auf „Fake News“, der ins Politische geht und mit der rhetorischen Frage endet, „worüber lohnt es sich zu sprechen“.

Alex Deutsch habe ich in der GMD auch wieder gesehen, am Schagzeug für Harri Stojka. Wow, der Mann ist so energiegeladen, dass er sogar noch die Ladegeräte im Publikum betreiben könnte. Musik ist eben auch ein Energy Drink. Oder noch besser: Grundnahrungsmittel! Jedenfalls kein Boogie.

 

The Ghost and the Machine – Ohne Titel

LILI Records
Wien 2016

Es war einem jener glücklichen Einfälle zu verdanken, dass ich die Bekanntschaft mit The Ghost and the Machine machte. Letzten Donnerstag Abend – ich war mit meiner Gang Kegeln gewesen und machte danach einen längeren Zwischenstopp bei IKEA (geöffnet bis 21 Uhr) – wartete ich an einer Kreuzung, als ich spontan die Eingebung hatte, noch bei der Postgarage vorbeizuschauen. Ich zwängte meinen BMW aus der linken Spur, nahm die Abkürzung quer über den Grünstreifen und parkte wenige Minuten später vor dem Venue. Obwohl das Lokal dunkel und verlassen aussah, war ein Doppelkonzert im Gange. Beide Bands (die andere war Town of Saints aus Holland) waren mir nicht bekannt, aber ein gemütliches Sofa direkt vor der Bühne war frei, denn es waren überraschend wenig Zuhörer da, also ließ ich mich hineinfallen und hörte mich ein.

The Ghost and the Machine LIVE in der Postgarage

Drei Leute waren auf der Bühne, links ein Schlagzeuger, der als Ossi-Export vorgestellt wurde. Ich freute mich schon, wieder jemand aus Australien zu treffen, wurde aber vom Bass auf der rechten Seite sogleich korrigiert, Matthias Macht sei kein Aussie, sondern Deutscher aus Dresden. Die Dame, die mir geantwortet hatte, war Heidi Fial, eine Wienerin mit sehr schönen Augen. Zentrale Figur war Andi Lechner, ein junger Herr, der zwei uralte Resonatorgitarren bediente, was der Band den typisch blechernen Sound zwischen Blues und Jazz verlieh.

Doch nicht nur die National (eine Resonatorgitarre wie die Dobro) ist ein seltenes Instrument, auch Frauen am stehenden Kontrabass sind nicht oft zu sehen, weshalb ich ihr scherzhaft vorschlug, doch auf einen U-Bass (U steht für Ukulele) umzusteigen, damit hätte sie weniger zu schleppen, worauf sie meinte, dass der nie so gut klingen würde wie ihr Doublebass. Damit hatte sie recht. Ich habe zwar schon sehr guten U-Bass gehört, das Klangvolumen eines grossen Holzkörpers kann er jedoch nicht imitieren. Musikalisch sind durch diese Instrumentierung bereits viele Parameter vorgegeben, es ist also nicht verwunderlich, wenn ich wiederum an Memories of an Old Friend erinnert werde, das wunderschöne Album der Westaustralier Angus & Julia Stone.

Selbstdarstellungen | Fotos © Malin Walleser 2016

Ein von Heidi Fial  akribisch gezeichnetes 16-seitiges Begleitheft zur CD liefert die Texte. Man muss den feinen Nuancen der allesamt im Kollektiv geschriebenen Lyrics genau zuhören, um den Schmerz, die Hoffnung aber auch die essentielle Lebensfreude aus den Zeilen zu destilieren, die Eingeschlossenheit, Krankheit, und Einsamkeit evoziiren, aber auch die Freiheit in der Kunst und jene der Künstler, ihr Leben zu gestalten, sei es in verwaschenen Fotografien oder in sich unendlich wiederholenden Ornamenten, die zwar wie Maschinensprache anmuten, durch die Abwesenheit von Farbe aber etwas geisterhaftes an sich haben, wie auch der Räucherbergmann aus dem Erzgebirge und der Nussknacker, die Repräsentanten des Debütalbums ohne Titel.