Alma – Transalpin

col legno music
Wien 2015

Seit 2011 verbindet Alma volksmusikalische Bodenständigkeit spielerisch mit komplexen Arrangements. 2013 erschien Nativa, deren Debütalbum, und nun legt die Band Transalpin als zweites Album vor.

So weit die Phantasie zu hören vermag lautet das Motto der zart blaugrauen CD, die in der Grazer Postgarage bei Pangea (Weltmusik-Reihe) präsentiert wurde. Dass just zur selben Zeit andernorts der Steirische Geigentag stattfand, war wohl Zufall. Diese drei Geigen, eine Harmonika und der Kontrabass beschallten den 2nd floor unplugged – also ohne den Einsatz jeglicher Mikrofone und Verstärker – und wurden fallweise auch noch von den jungen Singstimmen unterstützt. Das Publikum dankte es mit konzentrierter Stille, in der sogar der Verschluss der Kameras von zwei oder drei Fotografen ab und zu hörbar war.

Die fünf Musiker, ein junger Mann und vier Frauen – die, wie Barbara, eine kleingewachsene Radiojournalistin nach dem Konzert bemerkte, allesamt sogar noch kleiner seien als sie – brauchten nicht mit Körpergröße zu beeindrucken, dennoch bot ich mich an, den Kontrabass zu tragen, was dankend abgelehnt wurde.

Julia (Geige, Gesang) und ihre Schwester Marlene Lacherstorfer (Kontrabass, Gesang) stammen aus Oberösterreich, Evelyn Mair (Geige, Gesang) aus Südtirol, der Hahn im Korb Matteo Haitzmann (Geige, Gesang) ist Salzburger und Marie-Theres Stickler (Steirische Harmonika, Gesang) kommt aus Niederösterreich, und gemeinsam führen sie mit Leib und Seele (con alma y vida) vor, dass zeitgenössische Volksmusik lebt.

Ein umfangreiches zweisprachiges Begleitheft zur CD liefert Texte, Anmerkungen der Künstler und Hintergrundinformationen zu den Stücken und bietet vorweg auch gleich eine blumige Vorbesprechung des „Austrophilen“ Briten Gavin Plumley, der für den BBC und „Musikpublikationen in aller Welt“ schreibt. Ich denke mir, too much information, denn sollte nicht die Phantasie jedes Zuhörers eine „musikalische Seelenwanderung“ durch die Berge entlang eigener Wege begleiten? OK. Man muss es ja nicht lesen, einfach die Augen schließen, zuhören und hoch über die Almen fliegen.

Wer sollte sich nun gleich ein Alma-Album kaufen, ohne die Gelegenheit, sie zuerst live zu erleben? Musiksammler mit breitem Geschmack, in deren Regalwänden zwischen Philip Glass und Hubert von Goisern noch Platz für schräge Klänge ist, die manchmal mit einer Prise Jazz, dann wieder mit Minnesang oder Jodlern gewürzt sind und wohl aus Hausmusik mit offenem Blick in die weite Welt(musik) gekocht wurden. Schmackhaft!

The Tiptoes – The Tiptoes

electricAudio Recording Studios
Graz 2014

Eines Abends lief ich Albrecht Klinger (Bass bei The Base) in der Postgarage über den Weg und er erzählte mir von einer zweiten Band, bei der er mitspiele, und dass sie in zwei Tagen hier auftreten würden: Das machte mich neugierig und so kam ich wieder, um mir The Tiptoes anzuhören.

Die Sängerin der Band kam mir von irgendwoher bekannt vor. Dabei brauchte ich nur 1 + 1 zusammen zu zählen: Ich hatte sie unlängst auf der Bühne mit The Base gesehen, wo sie Norbert Wally ihre klare Stimme für „Easy When the Sun Goes Down“ und „I Bet It Rains“ geborgt hatte. Soweit der Kontext.

Der Auftritt in der Postgarage zählte zu den angenehmen Erlebnissen, auch wenn ihm in irgendeiner Weise das unverwechselbar Einzigartige noch fehlte. Das nur dieser Band Ureigene vermisste ich; und wenngleich alles ordentlich gespielt war blieb als Gesamteindruck dennoch middle of the road. Aber es könnte noch werden. Von den fünf Stücken auf der Debüt-EP haben immerhin zwei diese Qualität. Miriam Bichler textet selbst und die Lyrics von „Hide & Seek“ und „Wake Up“ sind so gut gelungen, wie die Musik von Fabio Schurischuster.

Die EP definiert die Band noch etwas unscharf, viele Elemente erinnern an Pop. Die Stimme in „Toxic“ und „Step By Step“ ist jazzig und die kleine Frau weiß, wie sie die Töne anschleift und mit hochgezogener Nase raunzt, während sie in „Hide & Seek“ unprätentiös klingt wie Julia Stone: And I watched how the years flew by/ And we met after such a long time/ … We had big fights, we lost our minds/ And I told Mum and Dad about it/ … And we sat down and we talked it all out.

Am ersten Album wird gearbeitet. Ich bin gespannt, welche Richtung die „Zehenspitzen“ einschlagen werden.

The Tiptoes live in der Postgarage | Fotos © Gerald Ganglbauer 2015

Großmütterchen Hatz Salon Orkestar – Terry Goes Around

Eiffelbaum Records
Ternitz 2014

Diese attraktive Oststeirerin ist sowas von keinem Großmütterchen – jünger als ich und ein reines Energiebündel – wenn sie ihr scheinbar gewichtsloses Akkordeon mit zarten Händen ohne Mühen hebt und senkt, quetscht und zieht – und dabei noch auf einem Bein steht – wenn sie nicht gerade quer über die Bühne zu ihren Musikern tanzt.

Sie hat es mit Ziffern – weil sie mit dem Konzert in der Pangea Reihe der Postgarage Graz gerade ihren fünften Band-Geburtstag feiert, stellt sie dem Publikum Rechenaufgaben und Quizfragen, wie zum Beispiel, welcher Buchstabe in den Vornamen aller Bandmitglieder vorkommt, usw. usf., will uns Zuhörer einbeziehen und zum Tanz verführen.

Großmütterchen Hatz sehr lebendig in der Postgarage

Im Pangea Venue war das etwas schwierig, da wir in bequemen Sofas kuschelten, aber daheim geht die Post bzw. die Polka ab, wenn man die CD einlegt oder iTunes startet und Terry umgeht. Polka jetzt nicht im Sinne von Humtatah zu verstehen, Klarinette und Akkordeon liegen zwar nahe an der fließenden Grenze zur Volksmusik, die breiteste Schublade wäre aber noch zu klein, vielleicht Tango Nuevo meets Balkan oder Jazz.

Ach, was soll das Schubladisieren, swingen wir uns gesund, lassen wir die Körper sich bewegen und die Seelen baumeln.

Am Album wechseln traditionelle Stücke mit Worldmusic, alle Rhythmen passen jedoch irgendwie zusammen, schmiegen sich in Harmonie aneinander. Saxofon und Geigenklänge arrangieren sich in natürlichen Schwingungen, die Musiker scheinen synchron zu atmen, wenn sie virtuos ihre sonst beinahe unvereinbaren Instrumente spielen. In der Tat leitet das Großmütterchen keine (Big-)Band, sondern ein gereift-schräges Salon Orkestar. Mit Kuhglocken und Almstimmung beim Jodüheh. Und das anfänglich Schräge wird zur weiten Ebene, so als ob die Welt noch flach wäre. Das schafft einen grenzenlosen Tanzboden. Tanzen ist ohnedies dringend angeraten. Wenn du dich dabei nicht bewegst, frag deinen Arzt oder Apotheker.

Das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar sind Franziska Hatz, Richie Winkler, Simon Schellnegger und Julian Pieber.

Mary Broadcast – Dizzy Venus

puppengold records
Wien 2015

Als ich kurz nach ihrem Auftritt im p.p.c. mit Mary spreche und sie mir ihre neue CD zur Besprechung gibt, ahne ich noch nicht, dass ich eigentlich darüber gar nicht schreiben kann, da sich das Album beim ersten Anhören als „Pop“ entpuppt und das ist nun einmal nicht meine Musik – da klappe ich die Ohren zu.

Auf der Bühne erschienen die vier Musiker als Aufheizer vor einer anderen jungen Band noch recht interessant, aber das Album lässt sich auf Ö3 spielen und was sollte ich dem noch hinzufügen? Michael Ternai hält es für „empfehlenswert“ und schreibt in music austria: Dass Mary Broadcast alias Mary Lamaro ihr musikalisches Handwerk versteht, hat sie in der Vergangenheit schon mehrfach unter Beweis stellen können. Mit ihrem neuen Album „Dizzy Venus“ (Puppengold) will die junge Wiener Liedermacherin nun ihren nächsten Schritt setzen.

Vielleicht sollte auch ich in Marys früheren Alben Antworten suchen, warum sie live interessant und nicht so abgeschliffen wirkt, dass sie – und jetzt wiederhole ich mich absichtlich – auf Ö3 nicht auffallen würde. Ich meine, gute Musik braucht Rillen, Ecken und Kanten, um sich unverkennbar und somit einzigartig zu positionieren.

Sollte ich ihr Unrecht getan haben weil „Dizzy Venus“ doch auf FM4 Airtime bekommt, entschuldige ich mich persönlich bei Mary. Schließlich behauptet Ternai in seiner Besprechung: „Dizzy Venus“ ist vermutlich Mary Broadcasts ausgereiftestes und zugleich auch persönlichstes Album. Es ist ein Stück Musik zeitlosen Charakters geworden, eines, das viel Stimmung und Gefühl in sich trägt und aufgrund dessen auch wirklich zu berühren weiß.

Damit zeigt sich wieder einmal deutlich, dass man über Geschmack nicht streiten kann.

Mary Broadcast live at p.p.c. Graz | Foto: Claudia Parenzan

Mary Broadcast sind Mary Broadcast, Jimi Dolezal, Thomas Hierzberger und Michael Leibetseder.

Saint Chameleon – Sail

Soundcloud
Graz 2015

Das erste Mal habe ich Saint Chameleon vor einem Jahr rein zufällig in der Papierfabrik in Graz gehört. Das war gerade der zweite oder dritte Auftritt der ganz jungen Band um Lukacz Custos und Luka Sulzer, deren Ursprünge bei einem Treffen der beiden in den Straßen von Graz im Jahr 2010 liegen, als Lukacz als Straßenkünstler auftrat. Beiderseitiges Interesse in jeder Art von Musik machte die Entscheidung in einem musikalischen Projekt zu kollaborieren einfach und so wurde Saint Chameleon eine Fusion aus Indie-Rock und Gypsy Musik, irgendwo zwischen Tom Waits und Django Reinhardt und überall drumherum.

Damals hat mich die Stimme von Luka gefesselt, dieses seltene Tremolo war prägnant, das erinnerte mich an David Surkamp, allerdings mit einer höheren Falsettstimme, in Pavlov’s Dog. Als ich später mit Luka redete, erklärte er dieses Zittern käme von anfänglichem Lampenfieber, das er mittlerweile aber kultiviert habe. Nun, ich muss sagen, mit seinen 22 Jahren (geb. 25.1. 1993) wirkt er auf der Bühne sehr selbstbewusst. Ich habe die Band in Graz noch drei Mal live gesehen, in der Postgarage, in der Brücke und im PPC. Diese jungen Leute begeistern ihre Zuhörer jedes Mal und lassen kein Bein still stehen. Das sind Tanz-Rhythmen, die unter die Haut gehen.

Saint Chameleons Luka Sulzer im p.p.c. | Foto © Claudia Parenzan

Saint Chameleon in der Postgarage | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Von Live Gigs zu Studioaufnahmen ist es allerdings ein weiter Weg, den die Gruppe zunächst mit einer Debüt-EP markiert: SAIL, mit den drei Songs: “Johnny”, “The Difference of the People” und “Sail”.

Mein Lieblingslied zum Mitsingen:
The Difference of the People
(Musik und Text Luka Sulzer)

Some is silent in here
Some is loud out there
Some is tired
Some is filled with fear
Some is in action, runs away
The difference of the people
Is what makes this world this rich
The difference of the people
Is what makes it worth to live

And wouldn’t it be this way
We would all be the same
So we wouldn’t be able to love
Because we could know each others thoughts

Die “Sail” Release Show am 23. April im PPC hat deutlich gemacht, dass diese junge Band nicht nur eine EP, sondern ein erstes Album verdient hätte. Allein schon wie die sieben Musiker den Abend pünktlich um 22 Uhr mit einem kräftigen a-capella Chor eröffneten, löste im Publikum Begeisterung aus. Ich war richtig stolz auf die Jugend und wünschte, der Executive Producer eines großen Plattenlabels würde diese Show erlebt haben: Saint Chameleon hätte sofort einen Plattenvertrag in der Tasche. So gut waren sie allesamt, Musik im Blut, gut zusammen gespielt und Luka Sulzer strahlte Charisma auf der Bühne aus. Der schüchterne junge Absolvent der Ortweinschule, Abteilung Kunst wuchs innerhalb des Jahres, seit ich die Band in der Papierfabrik nach einem Geheimtip zum ersten Mal gesehen hatte, parallel zur Größe der Bühne zum echten Rockstar heran. Backstage frage ich ihn nach seinen Plänen und er weiss sich zu positionieren und kann sich ein Leben im Showbiz durchaus vorstellen. Dabei wünsche ich ihm und der großartigen Band, allen voran dem “großen” Francesco Doninelli an der Violine, alles Gute und viel Erfolg!


Videos © Clemens Niel 2014 and Gerald Ganglbauer 2015

Saint Chameleon in der Brücke | Fotos © Gerald Ganglbauer 2015

Bilder und Videos (2014/2015) von den jüngsten Konzerten der Band, die aus sieben Mitgliedern aus fünf Ländern besteht: David Dresler, Lukacz Custos, Luka Sulzer, Kajetan Kamenjasevic, Emilano Sampaio, Francesco Doninelli und Thilo Seevers.

»Sir« Oliver Mally & Martin Gasselsberger – This Is The Season

sir oliver records
Wagna 2014

THIS IS THE SEASON
time to shake off the cold
time to turn all gravel to gold
this is the season
learn to forgive – follow through
write this story anew
this is the season
there’s a silver lining to every cloud
let love in – let love out
this is the season
time to finally realize
no good thing ever dies
this is the season

Mally und Gasselsberger schaffen es auf diesem Album tatsächlich, ein sehr organisches „blaues“ Gefühl in Balladen und Liedern zu vermitteln, die sich ganz sanft und zärtlich im Körper ausbreiten. Zum Titelsong sagt Mally: Writing this song in the summer of 2013 was the best and most effective thing that I could do for myself…and for my mom! Kauft euren Müttern diese CD. Wartet nicht erst bis zum Muttertag. Kuschelt euch zusammen und hört zu.

»Sir« Oliver Mally – Strong Believer

Mono Recordings
Wagna 2012

The Austrian Bluesman is back with a red hot album straight from the blacksmith with the most intense of Blues and a pared down style that only the best achieve, schrieb Frankie Bluesy Pfeiffer, Oliver Mally is one of those Bluesmen who can never stay on the same path and this latest album is proof that this artist is forever changing, always looking for that perfect song, that perfect moment, behauptet Nathalie Nat‘ Harrap.

Auch mir fällt der ständige Wechsel des Südsteirers auf, aber dich denke, sich selbst immer wieder neu zu erfinden ist eine ganz großartige Eigenschaft. Das bedeutet nicht, dass der Hörer mit dem Gehörten gleichermaßen konform gehen muss. Die Scheibe ist nun schon eine ganze Weile am To-Do-Stapel und vielleicht liegt der Grund dafür nur teilweise am Zeitmangel, sondern daran, dass ich diese alte Bluestradition nicht mehr als zeitgenössische Gefühlslage nachempfinden kann und zögere, das auch zu schreiben.

Wir sind doch schon lange nicht mehr diese besoffenen, wehmütigen, „down with the Blues“ Barflies, die nicht wissen, wie sie am nächsten Morgen aus der Wäsche schauen, oder wie das letzte Tattoo entstanden ist.

Ich kenne Oliver zwar nicht persönlich, kann mir aber kaum vorstellen, dass diese Texte mit seinem Leben auch nur das Geringste zu tun haben. Von allen Frauen verlassen (kein Wunder, traditioneller Blues ist meist frauenfeindlich), ziel- und planlos im Dampf dahin zu dösen, nach durchzockten Nächten den Hangover zu kurieren, das sind bestimmt keine realen Situationen für den begnadeten Musiker, der aber genau weiss, wie er die Saiten zu quälen hat, damit er als Strong Believer an den alten Blues glaubhaft rüber kommt.

Wäre eine spannende Herausforderung, wie er den Blues mit heutigen Inhalten präsentieren würde.

Marina Zettl – Watch Me Burn

CoastToCoast Records
Wien 2013

Der Abend war noch jung und so entschloss ich mich spontan, nach der Weihnachtsfeier der Austrian American Association, wo ich die Weizer Autorin Andrea Sailer lesen hörte, einen Sprung in der Postgarage vorbeizuschauen. Dort traf ich Vesna Petkovic, sowie Anita und Günter Brodtrager, die mit Stefan Bauer die Veranstalter der pangea Konzertreihe sind, wo Musik lebt und Volksmusik, Jazz und Pop friedlich koexistieren. Albrecht „Albee“ Klinger von The Base war auch da, der mir ein bisschen über das kommende Album erzählte und Marina Zettl (Wien) und Thomas Mauerhofer, (ebenfalls aus Weiz) betraten gerade die einzigartig durch Lichtketten hinter kupfernen Leiterplatten spärlich beleuchtete Bühne.

Die Namen waren neu für mich, obwohl die beiden – sowohl als Duo und auch als Band – seit 2010 schon drei Alben produziert hatten und Marina seit dem Jazz Sommer Graz anno 2005 in diversen Kollaborationen zu hören war. Seit 2011 unterrichtet die 32-jährige (geboren am 26. August 1982 in Graz) Gesang in Wien. Sogar das Publikum war ein anderes, als ich es in der Postgarage erwartet hätte: Menschen meiner Generation saßen da bequem in rauchfreier Luft und der Beginn war bereits um 20 Uhr angesetzt.

Ich lasse mich also in die gemütlichen Polster sinken und höre mich ein. Die Klänge der 8-seitigen und anderer Gitarren des virtuosen Thomas Mauerhofer ergeben im Zusammenklang mit der quirligen, manchmal gepressten, dann auch mal scharfen und immer klaren Stimme Marina Zettls ein angenehmes Ganzes. Der Unterschied zwischen dem Live-Act und dem Studioalbum „Watch Me Burn“, das ich nach dem Konzert zu Hause höre, ist bei diesen beiden Musikern jedoch gravierend. Auf der Bühne (ohne Schlagzeug) erinnert mich das Paar irgendwie an Angus und Julia Stone, jene Westaustralier, die ich sehr mag und denen ich das Label „Alternative“ geben würde und manchmal kommt auch etwas einer Rebekka Bakken durch, auf dem im Studio produzierten Album (mit Schlagzeug) klingt es jedoch wie Pop, was ich nicht als Kompliment meine. Da braucht sich Marina auch nicht zu wundern, dass sie auf Ö-3 gespielt werden. Natürlich ist es eine Gratwanderung zwischen FM4/Kreativität und Ö-3/Kommerz und man kann es niemandem übel nehmen, die Stücke so zu arrangieren, dass sie leichter verkäuflich sind. Sie ist schließlich eine ausgebildete Jazz-Sängerin (sie studierte 2000–2005 an der Musikhochschule in Graz) und wenn man ein Auge (oder besser ein Ohr) zudrückt, bleiben wunderschöne Balladen, wie „Round & Round“, „Watch Me Burn“ und „Stronger Than Love“, die auf dem Tonträger genau so gut rüberkommen wie auf der Bühne, wo die zierliche Frau sehr sympathisch wirkt.

Berndt Luef Quintett – Chile, 11.09.1973

FOSTA 99/013 records
Graz 2013

Ich kenne Berndt Luef seit einem Auftritt im “Klub Links” circa anno 1978. Und er ist seinem politischen Engagement all die Jahre treu geblieben. So heißt sein neuestes Album Chile, 11.09.1973 und die erste Fassung – seine erste längere Komposition – entstand spontan nach der Nachricht über den faschistischen Putsch in Chile. 1981 hat er diese Komposition für seine damalige Gruppe “Mirror” überarbeitet und in vier Sätzen zu einer Suite zusamengefasst: Land & Bevölkerung / Das Wahlbündnis “Unidad Popular” / Wahlsieg / Todesmarsch, um die Jahre 1969–1973 musikalisch auszudrücken. Im Dezember 2013 hat er es anlässlich des 40. Jahrestages wieder hervorgeholt, für das Berndt Luef Quintett arrangiert und im Musicgarden Studio aufgenommen. Jetzt ist es als nummerierte limitierte Sonderproduktion erschienen. Dieses Album (meine CD trägt die Nummer 41) landete unlängst mit einem handgeschriebenen Begleitbrief in meinem Postkasten.

Allein das verdient im Jahre 2014, wo in der Schule leider kein Wert mehr auf schöne, flüssige Handschrift gelegt wird, weil nur mehr auf einer Tastatur getippt wird, besondere Erwähnung. Berndt ist vom alten Schlag. Nicht so seine Musik. As ehemaliger Schlagzeuger ein Meister am Vibraphon, swingt sich das erste Stück, HZL, leicht in die Ohren, man fühlt einen Hauch Latin-Jazz, denn es ist, wie auch das letzte Stück, Saida, bei Besuchen in Lissabon entstanden und der Nelkenrevolution in Portugal im April des Jahres 1974 gewidmet. Dazwischen erklingt die Chile-Suite in vier Sätzen.

Wenn man als Zuhörer mit der Geschichte vom Putsch in Chile 1973 vertraut ist, machen die Rhythmen und Melodien der vier Sätze, oft getragen vom geschmeidigen Saxofon oder der Zauberflöte des talentierten Mister Dunst, durchaus Sinn. Spätestens im 3. Satz wird man wachgerüttelt, wenn sich unverhofft aus sanften Klängen ein Chaos entwickelt, wobei man erst glaubt, die Aufnahme oder die Tonanlage spiele verrückt, bevor im 4. Satz die Miliz unter General Pinochet einmarschiert.

Aber – und das ist mein einziger Einwand – wenn man nichts oder wenig von lateinamerikanischer Geschichte weiß, erfordert es große Neugier, einem Ereignis ausschließlich durch instrumentalen Ausdruck nahezukommen, wenn es gänzlich ohne Worte Gefühle wie Freude, Zorn oder Trauer vermitteln will. Ich wäre mit dem Thema aus der Quintett Besetzung ausgebrochen und hätte Texte (Pablo Neruda hätte sich angeboten) eingebunden. Aber ich bin kein Jazz-Komponist und schon gar kein so begnadeter Musiker wie Berndt Luef. Daher sind diese 21:15 Minuten immer wieder hörenswert.

Das Berndt Luef Quintett sind Patrick Dunst (Sopransax, Flöte), Stefan Oser (Gitarre), Berndt Luef (Vibraphon, Percussion), Thorsten Zimmermann (Bass) und Viktor Palic (Schlagzeug).

Berndt Luef (oben) im Generalihof und (unten) seine schnellen Hände im Forum Stadtpark | Fotos © Gerald Ganglbauer 2012 und 2014

Tribal Dialects – Home

Session Work Records
Trieste 2014

Es mag unkonventionell sein, die Besprechung des eben erschienenen Debütalbums „Home“ von Tribal Dialects (das sind Patrick Dunst, Sina Shaari, Michael Lagger & Grilli Pollheimer) mit Reflexionen über dessen Verpackung zu beginnen, aber im vorliegenden Fall scheint gerade das der legitimste Einstieg zu sein. Vier Paar bunte Schuhe hat die Künstlerin Azadeh Balash gemalt, achtlos hingeworfene Schuhe, vielleicht jene der vier Jazzmusiker, könnte man sich vorstellen, gerade aus der weiten Welt nach Hause zurück gekehrt.

Eine wunderschöne Metapher für „Heimat“. Man zieht sich die Schuhe dort aus, wo man “daheim” ist. Ich selbst habe mir zum Thema in meinen 25 Jahre fern der Heimat auch so manche Gedanken gemacht. Auf die Schuhe bin ich nicht gekommen. Und die Grafikerin Petra Temmel hat sie wieder in ihre Schuhschachteln gepackt und daraus den Schriftzug für die vier Buchstaben H-O-M-E gebastelt. So hat sie mit diesen Schachteln ein wunderschönes, stimmiges Artwork gestaltet. Im MP3-Zeitalter wahrlich ein Grund, sich doch hin und wieder das eine oder andere Album als Plastikscheibe zuzulegen, auch wenn man sie ohnedies in seine iTunes „Plattensammlung“ kopiert.

Aber nun zur Musik. Im Rahmen der Murszene am Mariahilferplatz waren gestern Patrick Dunst mit zwei von drei Mitgliedern seiner Tribal Dialects auf der Bühne. Nach einem heißen Badetag war mir die Vorstellung angenehm bei Jazzmusik zu chillen, also fuhr ich vorbei, hatte das Glück einen Parkplatz zu finden und war bald in der lauschenden Menge untergetaucht. Leider ohne Kamera, weshalb das Handy für ein paar Fotos herhalten musste. Der Perser Sina Shaari spielte die „Oud“ (eine arabische Laute) als markanten Klangerzeuger für Weltmusik, Grilli Pollheimer sorgte mit wechselnden Perkussionsinstrumenten für den Rhythmus und Patrick Dunst akzentuierte mit Saxofonen, Klarinetten, Flöten und mehr durchwegs lauter Eigenkompositionen des Quartetts, im Encore sogar selber drumboxing (eine Premiere). Das Publikum ging begeistert mit. Hip-Hop meets Jazz.

Tribal Dialects am Mariahilferplatz | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Als mir Patrick nach dem gelungenen Auftritt vertrauensvoll eine Promo CD des Debutalbums seiner Formation überreichte, war ich noch der Meinung, ich hätte aus dem Stockwerk bereits einmal über ihn berichtet. Sein Name war mir vertraut, aber wir waren uns – nach einer Suche in Gangway – offenbar noch nicht begegnet. Ich hatte allerdings schon ein Album seines Freundes und Pianisten Michael Lagger (von ihm ist das achte Stück „Sehnsucht“ auf „Home“) in Gangway Music vorgestellt und einen Hinweis auf seine Band Tripod in Gangway Specials gebracht. Nun ja, Graz nennt sich zwar die „City of Jazz“, ist aber dennoch eine kleine Stadt, in der jeder jeden über ein paar Ecken kennt. (Six Degrees of Separation.)

Patrick Dunst, der bescheidene Bandleader, ebenso wie ich aus Graz stammend, der in so gut wie alles aus Holz oder Blech hineinbläst und sogar aus einem Grashalm noch bezaubernde Melodien herausholen würde, ist ein sehr sympathischer junger Mann. Das sechste Stück auf dem Album („Prolog/Epilog“) widmet er in einem schlichten Arrangement seiner Heimatstadt Graz, die er, wiederum ebenso wie ich, mit itchy feet verlassen musste. Kollaborationen mit Menschen anderer Teile der Welt sind immer spannend. Ich sehe keine unmittelbare Gefahr in zu vielen Jan Garbareks, die sich Weltmusik auf den Genre-Tag schreiben. Ich schätze den behutsamen Wunsch (persisch: „Arezoo“) nach Frieden auf der Erde, ich genieße die unzähligen Dialekte der Stämme.

„Home“, das erste Album von Tribal Dialects ist ruhig und in sich sehr stimmig, obwohl es sich aus einer Hausaufgabe eines von Patricks Lehrern entwickelt hatte. Es bleibt zu hoffen, dass neue Hausaufgaben weitere Ideen für derart dichtmaschig gewebte fliegende Musikteppiche hervorbringen.