Saint Chameleon – Sail

Soundcloud
Graz 2015

Das erste Mal habe ich Saint Chameleon vor einem Jahr rein zufällig in der Papierfabrik in Graz gehört. Das war gerade der zweite oder dritte Auftritt der ganz jungen Band um Lukacz Custos und Luka Sulzer, deren Ursprünge bei einem Treffen der beiden in den Straßen von Graz im Jahr 2010 liegen, als Lukacz als Straßenkünstler auftrat. Beiderseitiges Interesse in jeder Art von Musik machte die Entscheidung in einem musikalischen Projekt zu kollaborieren einfach und so wurde Saint Chameleon eine Fusion aus Indie-Rock und Gypsy Musik, irgendwo zwischen Tom Waits und Django Reinhardt und überall drumherum.

Damals hat mich die Stimme von Luka gefesselt, dieses seltene Tremolo war prägnant, das erinnerte mich an David Surkamp, allerdings mit einer höheren Falsettstimme, in Pavlov’s Dog. Als ich später mit Luka redete, erklärte er dieses Zittern käme von anfänglichem Lampenfieber, das er mittlerweile aber kultiviert habe. Nun, ich muss sagen, mit seinen 22 Jahren (geb. 25.1. 1993) wirkt er auf der Bühne sehr selbstbewusst. Ich habe die Band in Graz noch drei Mal live gesehen, in der Postgarage, in der Brücke und im PPC. Diese jungen Leute begeistern ihre Zuhörer jedes Mal und lassen kein Bein still stehen. Das sind Tanz-Rhythmen, die unter die Haut gehen.

Saint Chameleons Luka Sulzer im p.p.c. | Foto © Claudia Parenzan

Saint Chameleon in der Postgarage | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Von Live Gigs zu Studioaufnahmen ist es allerdings ein weiter Weg, den die Gruppe zunächst mit einer Debüt-EP markiert: SAIL, mit den drei Songs: “Johnny”, “The Difference of the People” und “Sail”.

Mein Lieblingslied zum Mitsingen:
The Difference of the People
(Musik und Text Luka Sulzer)

Some is silent in here
Some is loud out there
Some is tired
Some is filled with fear
Some is in action, runs away
The difference of the people
Is what makes this world this rich
The difference of the people
Is what makes it worth to live

And wouldn’t it be this way
We would all be the same
So we wouldn’t be able to love
Because we could know each others thoughts

Die “Sail” Release Show am 23. April im PPC hat deutlich gemacht, dass diese junge Band nicht nur eine EP, sondern ein erstes Album verdient hätte. Allein schon wie die sieben Musiker den Abend pünktlich um 22 Uhr mit einem kräftigen a-capella Chor eröffneten, löste im Publikum Begeisterung aus. Ich war richtig stolz auf die Jugend und wünschte, der Executive Producer eines großen Plattenlabels würde diese Show erlebt haben: Saint Chameleon hätte sofort einen Plattenvertrag in der Tasche. So gut waren sie allesamt, Musik im Blut, gut zusammen gespielt und Luka Sulzer strahlte Charisma auf der Bühne aus. Der schüchterne junge Absolvent der Ortweinschule, Abteilung Kunst wuchs innerhalb des Jahres, seit ich die Band in der Papierfabrik nach einem Geheimtip zum ersten Mal gesehen hatte, parallel zur Größe der Bühne zum echten Rockstar heran. Backstage frage ich ihn nach seinen Plänen und er weiss sich zu positionieren und kann sich ein Leben im Showbiz durchaus vorstellen. Dabei wünsche ich ihm und der großartigen Band, allen voran dem “großen” Francesco Doninelli an der Violine, alles Gute und viel Erfolg!


Videos © Clemens Niel 2014 and Gerald Ganglbauer 2015

Saint Chameleon in der Brücke | Fotos © Gerald Ganglbauer 2015

Bilder und Videos (2014/2015) von den jüngsten Konzerten der Band, die aus sieben Mitgliedern aus fünf Ländern besteht: David Dresler, Lukacz Custos, Luka Sulzer, Kajetan Kamenjasevic, Emilano Sampaio, Francesco Doninelli und Thilo Seevers.

The Base – Where is My Weather

Konkord
Vienna 2015

Gestern Abend war ich bei der Release Show des neuen Base Albums Where is My Weather im Grazer p.p.c., einem Venue, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte und der sich mir als eine angenehme Überraschung präsentierte. Publikum, wo ich mich nicht als Großvater zu fühlen brauchte (unter anderem steuerte Werner Krause auf mich zu und begrüßte mich herzlich), trotz vollem Haus kein zu großes Gedränge und alles in rauchfreier Luft. Wer unbedingt rauchen musste, konnte das im Ghetto hinter Glas im hinteren Bereich tun. Freundliche Security und Barbedienung, solide Bühnentechnik (ich kletterte beim Fotografieren darin herum), eine geniale Lightshow und perfekter Sound.

Es wurde eine kurzweilige Wartezeit. Mit der üblichen guten Stunde Verspätung erklangen schließlich zwei Rockfetzer hinter dem Vorhang, The Base verschaffte sich Gehör.

The Base, Norbert Wally und Karlheinz Miklin

Bevor mir jemand Befangenheit vorwirft, gestehe ich es gleich vorab: Ich bin zu einem großen Fan von The Base geworden, finde Norbert Wallys Stimme einfach großartig und habe mit ihm sogar ein Duett gesungen (siehe Foto). Allerdings bin ich bekannt dafür, mir weder vor Freund noch Feind ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Gerald Ganglbauer und Norbert Wally im Duett

Wenn nun vom Wetter die Rede ist kommt wohl gleich Crowded House der Finn Brothers aus Neuseeland mit dem Ohrwurm (Take the) Weather With You in den Sinn, dicht gefolgt von unserem eigenen, leider zu früh verstorbenen Joe Zawinul, der seinen Weather Report in die USA exportiert hatte. Vom Wetter zu sprechen, hat etwas triviales an sich, es steht als eine Metapher für Small Talk, wenn man sich nichts zu sagen hat.

Nicht so auf diesem neuen Album, wo es das Konzept eines Tagesverlaufes von wechselhaftem Wetter symbolisieren könnte. Als der Vorhang gefallen war, war der erste musikalische Sturm auch schon vorüber, es hellte auf und das Trio spielte sich durch Regen und Sonnenschein. Unscharf wie das Cover Artwork, aber so waren sie schon bei den vorausgehenden Alben: für jeden etwas. Die wüd’n Hadern wurden von zarten Balladen abgelöst, und ein bissl Französisch wird auch drübergestreut. Wally brillierte und zeigte den breiten Bogen seiner stimmlichen Kapazität, Miklin trommelte mit einer Präzision und Kondition ohne auch nur einen Schweißtropfen, die ich nur bewundern konnte (muss am Mountainbiken liegen) und Klinger trieb die Musik mit seinem Bass voran. Einige Songs der neuen Platte (wie schon zuvor gibt es auch diesen Tonträger auf Vinyl, CD und iTunes) waren bereits im Radio zu hören gewesen und ich wünsche der neuen Wetterstation noch viel mehr internationales Airplay und gute Wetterberichte.

The Base live im p.p.c., Graz 2015 | Fotos: Gerald Ganglbauer

PS.: Bei den im fast zweistündigen Konzert natürlich auch gespielten Tunes aus vorangegangenen Alben war es schön zu beobachten, wie viele der Zuhörer die Lyrics kannten und deren Lippen die Worte dazu formten. Sind ja auch schöne Stücke 🙂

Binder & Krieglstein – New Weird Austria

essay recordings
Frankfurt 2010

Eigentlich verrät – nomen est omen – der Titel dieses Albums bereits alles. Neu: Meint wohl zeitgenössische „Garage Band“ Musikprogrammierung, sehr tanzbar, gut stampfbar. Seltsam: Das ist dieses Werk in der Tat. Nicht einzuordnen, der Zuhörer fühlt sich fast auf den Arm genommen. Österreich: Darin steckt Heimat, Volksmusik, „Binder-Krieglstein, ein echter Österreicher“, wie bereits auf einem früheren Album statuiert wurde.„Und jeder fragt mit stillem Graus, was kommt da wohl einmal heraus?“ (Eugen Roth) Nun ja. Ein sehr schräger Mix, unterstützt von einem launigen Wilfried in „Bratlgeiger“, Karl Gründling, Heimo Mitterer (von Portnoy), Mieze Medusa, Didi Bruckmayr, Molto Mosso (ach, allein wie diese Namen auf der Zunge zergehen), Christian Fuchs, sowie suzy on the rocks & Steirischer Jägerchor (von Bunny Lake). Und natürlich leiht Rainers Partner Makki auch auf diesem Album einigen Tracks wieder ihre starke Stimme.

Wer hört sich das Ergebnis nun an? Nicht Otto Normalverbraucher. Nicht der klassische FM4 Listener. Wohl auch nicht die Landjugend in Tracht. Wer dann? Ich zum Beispiel. Immer wieder. Auch wenn ich nie im Leben eine Polka oder einen Landler tanzen würde. Einfach, weil auch diese zwölf so unterschiedlichen Kompositionen „ein echter Binder-Krieglstein“ sind, die (Landes- und musikalische) Grenzen ausloten, definieren und zugleich verwischen. Unbedingt anhören!

Binder & Krieglstein live in der Postgarage, Graz 2012

Binder & Krieglstein sind Rainer Binder-Krieglstein, Makki, Kurt Bauer, Michael Bergbaur und Richie Winkler

Binder & Krieglstein – Jugend

earcandy recordings
Wien 2012

 Ist es einfacher, über Musik zu schreiben, wenn man die Musiker persönlich kennt und schätzt – ich kenne Rainer schon seit seinem ersten Soloalbum (International, 2002) und seinem Auftritt bei unserem Verlagsfest im Jahr 2004 – oder nimmt man dann gar eine zusätzliche Hürde, um objektiv zu bleiben? Ich bin mir nicht sicher und höre erst einmal rein in die „Jugend“, Binder & Krieglsteins fünftes Album. Einige Nummern habe ich voriges Jahr schon in der Postgarage live gehört, aber man ist ja nicht so kritisch wenn man vor der Bühne abtanzt, wie beim genauen Hören im Wohnzimmer oder Auto.

Der erste Song, „Om, Pleasure’s, Glory“, besticht mit gewohnt akzentuierten Beats, was durchaus erwartet werden kann, wenn der Bandleader Schlagzeuger ist, überrascht allerdings (R. B-K ist Jahrgang 1966) mit jugendlichen „still in love“ Lyrics. Erst bei Track zwei tritt dann die kraftvolle tatsächlich junge Makki auf. „Die Jugend ist ein Geschenk“, verrät Track drei, gleich mit einem schrägen Mix an Singstimmen. Cool, „seltsam“ (Zitat meiner Freundin) und sehr gut tanzbar. Vielleicht sage ich das, weil die Rhythmen so präzise rocken und rollen – trotz programmierter Loops klingt das lebendig – was eindeutig zu Tanzbewegungen (ver)führt. Und dann sind da auch noch die Texte, die durchaus in der politisch engagierten (und dada) Tradition Rainer Binder-Krieglsteins stehen.

Rainer Binder-Krieglstein, 20 Jahre Gangan Verlag, Literaturhaus Graz 2004

Die beiden ersten Alben „International“ und „Trip“ waren in Australien oft auf Triple J zu hören (woran ich nicht ganz unbeteiligt war) und ich kann mir das auch bei „Jugend“ vorstellen, denn Aussies lieben es Songs zu spielen, die man dort nicht versteht, wie den deutschen Titel „Jungs“. Das hat was Multikulturelles.

Die beiden Bilder sind übrigens von unserem Fest im Literaturhaus Graz anno 2004. Rainer war immer gut drauf, immer mit der „Jugend“… Sein neues Album ist ziemlich schräg, aber man hat ja sonst auch viel zu wenig Spass 🙂

Downlovers – Undressed Clowns

PROjACT music
Graz 2013

Noch eine Grazer Band, die unter meinem Radar geblieben ist und die mich neulich irgendwie überrascht hat. Erwartet man sich von jungen Leuten zumeist zeitgenössische Klänge, so hört man von diesem Quartett die 80er Jahre heraus, eine musikalische Epoche, als die Bandmitglieder noch gar nicht geboren waren. Aber sie hört sich gut an, denn Rockmusik bleibt Rockmusik und sie wird von der Band solide gespielt. Das Debutalbum „Undressed Clowns“ sammelt Eigenkompositionen, nur auf der Bühne werden Coverversionen dargebracht.

„Der unverkennbare „acoustic boogie rock“ der Downlovers zeugt mit belebender Originalität von versoffenen Nächten, verschüttetem Bier, verlorenen Liebschaften, vom Ausnüchtern und Erwachen bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher.“ behauptet die 2006 gegründete Band sehr poetisch von sich selbst, was man reinen Gewissens über Rockmusik ganz allgemein sagen kann. Was also ist die Originalität des Albums?

Nun, das ist wohl die Stimme des Sängers Michael Down. Unverkennbar, wenngleich sie mich an Kurt Cobain erinnert, er ruhe in Frieden. Zusammen mit der Gitarre Steve Lovers rockt es sich gut. Man möchte tanzen.

Downlovers live | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Downlovers sind: Michael Down, Steve Lovers, Roberto Lanzelotti und Georgeman

The Base – Tested Under Extreme Conditions

nubabel entertainment
Graz 2011

I discovered The Base when I returned to Graz, after a long absence, when the trio already released their album #10. This made me want to listen to their previous recordings. Tested Under Extreme Conditions was released two years earlier, However, at the same time, the band had sent us also their 2010 release, 16 Songs In Self Defense, and I must admit I was very curious about these albums. They offer very dark titles, like:

The End Of The World Why does the sun go on shining? Why does the sea rush to shore? Don’t they know it’s the end of the world ‚Cause you don’t love me any more? Why do the birds go on singing? Why do the stars glow above? Don’t they know it’s the end of the world? It ended when I lost your love. I wake up in the morning and I wonder Why ev’rything’s the same as it was. I can’t understand, no I can’t understand How life goes on the way it does Why does my heart go on beating? Why do these eyes of mine cry? Don’t they know it’s the end of the world? It ended when you said goodbye Don’t they know it’s the end of the world? It ended when you said goodbye.

The opening tune goes like this (read the lyrics, and watch the tune performed at the Burgtheater in Vienna):

Born In Devil’s Motel (Words by Norbert Wally | Music by The Base) What day it was I cannot say Sometime around the middle of May It happened on a midnight cruise to hell My mother she went into labour My dad he couldn’t find her a hay barn I was born in devil’s motel Born, born, born in devil’s motel Born, born, born in devil’s motel The midwife she picked up a broom Poked around in my mothers womb And told her that she’s doing well And when I saw the light of Day – well it was night but anyway – I knew for sure this must be hell Born, born, born in devil’s motel Born, born, born in devil’s motel That’s why I love to let it burn and Why I got demons in my head That’s why I don’t like the sound of church bells Cause I was born in devil’s motel.

I admit: I just love the music of The Base each and every time I hit the play button. Hopefully I’ll be around for their next live gig.