Thilo Seevers Ensemble – Storytelling

TUN Records
Graz 2018

Thilo-Seevers-Ensemble-Storytelling„Das Einzigartige an der Short Story ist, dass wir alle eine erzählen, leben, niederschreiben können“, schrieb Christina Stead, die australische Romanschriftstellerin. Nachzulesen in Michael Wildings Einführung zu Air Mail from Down Under, einem Band voller Kurzgeschichten, erschienen vor vielen Jahren in einer anderen Welt. Aber Geschichten lassen sich nicht nur am Lagerfeuer weiter erzählen. Zur litarischen Ausdrucksform gesellt sich beispielsweise Ausdruckstanz, den schon Urvölker wie die Aborigines praktiziert haben, bis zur Musik, wie jener des jungen deutschen Pianisten Thilo Seevers, der stolz auf eine Ausbildung an der Grazer Kunstuni zurückblicken darf.

Sein Ensemble, zu dem die großartigen Musiker Ivar Roban Krizic (Bass) und David Dresler (Schlagwerk) zählen, hat mit „Story Telling“, Anfang 2018 schon das zweite Jazz Album aufgenommen, wobei er mir persönlich bisher nur als Keyboarder bei Luka Sulzers Saint Chameleon bekannt war.

Ich hatte im Generalihof Gelegenheit, mich mit ihm zu unterhalten und zumindest ein halbes Konzert bis zum urplötzlich im zweiten Set einsetzenden Regenguss live zu erleben – und es bis unter die Haut zu genießen.

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Tse im Generalihof, in der Gamsbart Jazz Reihe | Foto © 2019 Gerald Ganglbauer

Die wertvollen Instrumente mussten schnell ins Trockene gebracht werden, und auch ich musste das Verdeck meines Cabrios rasch schliessen. Als Trost gab es für die zahlreichen Besucher CDs zu erwerben, die das Open Air Konzert digital vervollständigten.

Vielleicht höre ich ihn auch bei einem Saint Chameleon Auftritt, deren Debütalbum „Mockingbird“ (auch vom Vorjahr) mir bisher noch nicht unter die Finger gekommen ist. Dabei kenne ich die Band schon seit fünf Jahren und vielen Gigs. Auch gut. Ich werde allenfalls berichten.

Band Info: www.thiloseevers.com

Berndt Luef & Jazztett Forum Graz – Perseverance

Jazz-Forum-Graz---Perseverance

Die CD kam mit der Post und einem persönlichem Begleitschreiben „mit swingenden Grüßen“ wobei ich überzeugt bin, dass Berndt Luef kein Swinger ist. Zumindest nicht im Sinne von Menschen mit einem bestimmten promiskuitiven Sexualverhalten, sondern nur mit seinem Vibraphon und den acht Mannen seines Jazztett Forum Graz, das heuer bereits auf 25 swingende Jahre zurückblickt.

Diese Ausdauer würdigt der beharrliche Musiker mit einem Album, das auf sechs Seiten die zumeist vom Haus- und Hof-Jazz-Fotografen Peter Purgar fotografierten  Herren abbildet und zweisprachig die Entstehung der Kompositionen erläutert. Das ist bei Luef wichtig, da man ohne Lyrics die Absichten und den Hintergrund  der Kompositionen nicht mit Erinnerungen an seine Studienzeit oder Wanderungen entlang der Feistritztalbahn zu verknüpfen vermag.

Das Album wird am 3. Mai in der Blue Garage (Frauental) und am 12. Mai im Grazer Forum Stadtpark präsentiert.

Achim Kirchmair Trio – Going to Ladakh

o-tone music
Gießen 2018

In 10 Kompositionen bzw. genau 60 Minuten nimmt das ungewöhnliche Trio Achim Kirchmair (Gitarre), Ali Angerer (Tuba) und Andjelko Stupar (Drums) die Zuhörer mit auf die Reise nach Indien, weit ins nördliche Jammu and Kashmir, nach Ladakh.

Ich mag Konzeptalben, die eine Geschichte erzählen, oder zusammenhängende Stücke, wie die jener Indienreise. Dabei wäre etwas ganz anderes daraus entstanden, hätte der Bandleader nicht seine Bergschuhe daheim vergessen.

In Indien gehen die Uhren anders, Zeit spielt keine Rolle, erst kommt das Leben, und das spiegelt sich in seinen ruhigen Kompositionen, obwohl er auch die Sau raus lassen kann, was seine in der ersten Reihe des Konzerts im WIST sitzenden Kinder überzeugt haben muss, dass ihr Papa ein Rockstar ist.

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Achim Kirchmair Trio live im WIST, Graz

Kudos an Berndt Luef, der mit der bereits zwölften “Herbstzeitlose”, seinem jährlichen Musikfestival im WIST,  immer wieder guten Jazz nach Graz bringt.

Café Drechsler – And Now…Boogie!

Universal Music
Vienna 2017

Es war während des Jazzfestivals Leibnitz. Mit dem Schlagzeuger Alex Deutsch sass ich zufällig eines frühen Morgens beim Frühstück am selben Tisch. Neben einer Facebook-Freundschaft ergab das daraus folgende Gespräch großes Interesse an dem neuen Album, das nach zehn Jahren schöpferischer Pause im Trio mit Oliver Steger (Bass) und Ulrich Drechsler (Saxophon) entstanden war: And Now…Boogie! und ich versprach, mir die CD gleich anzuhören und sie zu besprechen.

Das liegt nun schon gut ein halbes Jahr zurück, aber mein Versprechen wird immer gehalten und nun sollen Worte beschreiben, was ich mit großem Genuss in Leibnitz live erleben durfte. Vorweg die Geschichte, wie es zum Namen  des Trios kam – das Café Drechsler ist tatsächlich ein Wiener Kaffeehaus, jedoch nicht mit dem Saxophonisten gleichen Namens verwandt – aber das kann die Band auch selbst erzählen.

Ich war müde, es war wohl schon fast Mitternacht, aber dennoch wollte ich das Konzert im Marenzikeller nicht verpassen.  Und siehe da, die Müdigkeit wurde von der Musik weggeblasen, die Beine tanzten unentwegt und von irgendwoher flutete Dopamin in mein Hirn. Ich war gut gelaunt, tanzte in vorderster Reihe und ließ mich vom Tempo der drei Profis mitreissen. Ein akustisches Trio, auch wenn es in iTunes unter „Electronica“ gehandelt wird, habe ich noch nie so schnell spielen gehört. Bass und Schlagzeug bauen den Highway, auf dem das Tenorsaxophon fährt. Und wenn ich die Augen zumachte habe ich mich in einem offenen Mustang über diese Autobahn fahren sehen und mit jedem neuen Tune wechselt die vorbeiziehende Landschaft. Vielleicht sollte die CD eine Warnung tragen, nicht im Auto gespielt zu werden, wenn man Speeding Tickets vermeiden will. Genial. Dabei sind auch zwei Tunes mit Text drauf, auf Samptpfoten rezitiert Yasmo „Mir geht’s gut“ über Befindlichkeiten („Ich reich die Hand um zu zeigen, dass sie keine Waffe trägt“) am Tune „On Velvet Paws“ und ein RAP von FlowinImmO auf „Fake News“, der ins Politische geht und mit der rhetorischen Frage endet, „worüber lohnt es sich zu sprechen“.

Alex Deutsch habe ich in der GMD auch wieder gesehen, am Schagzeug für Harri Stojka. Wow, der Mann ist so energiegeladen, dass er sogar noch die Ladegeräte im Publikum betreiben könnte. Musik ist eben auch ein Energy Drink. Oder noch besser: Grundnahrungsmittel! Jedenfalls kein Boogie.

 

Swell / Ullmann / Lonberg-Holm / Zerang – Chicago Plan

Eyes Wide Shut

Nach dem ersten Stück im ersten Set war ich  etwas planlos. Die vier Musiker spielten zwar vom Blatt, aber jeder für sich mit geschlossenen Augen. Mon dieu, war das nun Freejazz, worauf ich mich hier unvorbereitet eingelassen hatte? Keine Spur, den Ohren der Zuhörer im Stockwerk Graz wurden Kompositionen geliefert, die klare Strukturen erkennen ließen, wenngleich diese auch ständig wechselten. Creative Jazz aus den United States war eben anders als europäischer oder australischer Jazz.

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Aber es passte alles zusammen, was man sich an ungewöhnlichen Symbiosen nur vorstellen konnte. Angefangen bei der Instrumentierung. Ich hatte noch kein Chello (und Electronics) in einem Jazz Quartett gesehen. Aber was Fred Lonberg-Holm (55) mit seinem „geschrumpften Bass“ zupfte, strich, kratzte und quietschte, passte. Eine drei-saitige Gitarre, die ihm sein Vater gebastelt hatte brachte ihn zur Musik, wie er mir in der Pause erzählte. Und der Mojo, mit dem der in Chicago gebürtige Drummer Michael Zerang (auch er wird heuer 60) die Rhythmen sammelte, vorantrieb und wechselte, passte ebenso. Der Mann, dessen Haar wie Rapunzel bis zum Boden reicht, ist auch Komponist und spielte Schlagzeug mit zahlreichen Bands von kreativem Jazz über Weltmusik bis zu Rock und mehr, und es passte. Der 60-jährige Berliner Import Gebhard Ullmann, bestückt mit Tenorsaxofon und Bassklarinette noch der „normalste“ im Jazz Quartett, passte natürlich. Und Steve Swell aus Newark/New Jersey, der mit 64 Jahresringen älteste der vier, hielt die Augen ebenfalls geschlosssen, wenn er seinen Körper mit der Posaune bis zum Boden schwingen ließ, und auch das passte.

Variations on a Master Plan. Das macht Lust auf eine Reise nach Chicago, denn dort gibt es Creative Jazz vom feinsten, wie dieses Quartett. 2016 erschien Chicago Plan, ein selbst betiteltes Debütalbum bei Clean Feed. Davor hatte jeder der vier schon zahlreiche CDs in anderen Gruppierungen und Projekten aufgenommen. An diesem Abend war Chicago in Graz und hat die Zuhörer musikalisch bereichert, wofür Otmar Klammer zu danken ist. Die Stadt Chicago wird dennoch ein Reiseziel auf meiner Bucket-List bleiben.

Mario Rom’s Interzone – Truth Is Simple To Consume

Laub Records
Vienna 2017

Mario Rom's Interzone CDDas Trio rund um den atemberaubend virtuosen Trompeter ist schon jetzt eine der erfolgreichsten Jazzbands, die das Land in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Mittlerweile waren Mario Rom und die Seinen mit ihrer so unbekümmerten wie ungestümen Musik schon auf der halben Welt zugange. Gerade erst waren sie in Kanada, Marokko, Indien und in Admont, wo sie ihr neues – drittes – Album präsentiert haben.
Mit der surrealistisch witzigen, vierteiligen Online-Filmserie Everything Is Permitted, eingefangen zwischen Mexiko, New Orleans und Österreich, erregten Rom, Kranzelbinder und Pirker großes Aufsehen und haben damit schon vor ein paar Jahren ein kleines Stück europäische Musikgeschichte geschrieben. So etwas hatte man bislang noch nicht gesehen!

Das dritte Album

Nun kommen die drei bärtigen Herren mit den ausgeflippten Ideen zur Präsentation ihres dritten Albums ins Stockwerk zurück.
Ein seltener Beweis, dass sich hot und cool oder free und retro nicht ausschließen müssen. Sie räumen alle stilistischen Wegweiser zur Seite, swingen, grooven, dampfen, nehmen abrupt Tempo aus der Bewegung, sie spielen, wie es ihnen die Energie gerade gebietet.

MARIO ROM´S INTERZONE (A) sind Mario Rom – trumpet, Lukas Kranzelbinder – bass und Herbert Pirker – drums.

Otmar Klammer

80 Jahre Wolfgang Dauner – Das Jubiläumskonzert

80 Jahre Wolfgang Dauner – Das Jubiläumskonzert heißt das neue Album Dauners, mit dem der SWR sein Lebenswerk ehrt. In der Tat ist es das Beste aus den zwei Konzerten vom 23. und 24. Jänner 2016 im Stuttgarter Theaterhaus; und das gleich mit zwei Dauners: auch Sohn Florian Dauner ist Musiker, am Schlagzeug, wenn es nicht gerade von John Hiseman bedient wird.

Ich habe den deutschen Altmeister (Jahrgang 1935) einmal mit dem Bassisten Eberhard Weber im United Jazz & Rock Ensemble erlebt, aber nie Solo. Deshalb bin ich dankbar für dieses Tondokument, das man unter die großen Jazzpianisten wie Friedrich Gulda, Keith Jarrett oder Herbie Hancock einreihen kann.

Das Konzert wird mit der Eigenkomposition Drachenburg eröffnet, einem wunderschönen Solo am Piano, auf Track zwei begleitet ihn bereits Flo am Schlagzeug und auf Track drei arbeitet Dauner am Keyboard eines Moog Synthesizers, was seine Grenzüberschreitungen Richtung Fusion und Jazzrock bestätigt. Aus jungen Jahren werden Happenings mit seinem nackten Schlagzeuger Fred Braceful im Wolfgang Dauner Trio kolportiert; die habe ich leider versäumt und das wäre auch eine ganz andere Geschichte. Aber all die großen Namen des deutschen Jazz sind da: Albert Mangelsdorff steuert z.B. seinen Wheat Song bei, Christof Lauer ein großartiges Sopran Sax und u.a. gibt es sogar ein Tribut an George Gershwin zu hören.

Vater und Sohn

Das United Jazz & Rock Ensemble gibt es bereits in Second Generation auf dieser CD und Dauner und die Jungen fetzen so richtig los. Ein Jazz Album, das keine musikalischen Wünsche offen lässt und wieder einmal aufzeigt, wie breit das Œvre tatsächlich ist.

 

Großmütterchen Hatz & Klok – Salon Oskar

Eiffelbaum Records
Vienna 2017

hatz salon oskarDas fesche Großmütterchen Hatz aus dem Steirerland hatte mich zwar zur Präsentation des neuen Albums nach Wien eingeladen, aber der lange Weg von Stattegg war mir an jenem Abend zu mühsam. Doch bald darauf steckte ein handgeschriebenes Kuvert mit ebensolchem Kärtchen und der neuen CD in meinem Postkastl: „Lieber Gerald […] wir würden uns wieder über ein paar Worte von dir freuen, herzlichst Franziska Hatz„. Wir hatten uns nur einmal bei einem Konzert in der Grazer Postgarage gesehen, aber offenbar war die Sympathie gegenseitiger Natur. Klok, eine Wiener Formation im Bereich Jewish-Balkan-Jazz kannte ich noch nicht, jedoch wurde schon beim ersten Querhören des Albums klar, dass sich Großmütterchens Akkordeon mit der orientalischen Klarinette von Richard Winkler gut verstehen würde.

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Damals live in der Grazer Postgarage

Neben Hatz und Winkler, der auch am Saxofon ein wahrer Meister ist, sind auf diesem „Salon Oskar“ betitelten Album noch Jörg Reissner an der Gitarre, Roman Britschgi am Bass und Saša Nikoliç am Schlagzeug zu hören. Alle Musiker zeichnen sich auch als Komponisten aus und bis auf Britschgi, den Bassisten,  bringen sie auch ihre Stimme sporadisch zu experimentellen Texten von Hatz und Pichlbauer ein:

Tausende Traktoren/ Tanzen durch die Gurkenfelder/ Eine Frau mit roten Ohren/ Hat den Überblick verloren/ Und sie pflückt jetzt nicht mehr Gurken/ Sondern teure Abendkleider/ Sie pflückt heiße Schokolade, Tulpen, Eierschneider.

So hört sich etwa eine Strophe aus „Trattoria“ von Hatz und Pichlbauer an. Da ist man froh, wenn man auf der CD die Texte nachlesen kann, wenn auch die kleinen schlanken Grossbuchstaben im von Joanna Styrylska grafisch schön gestalteten Album bei uns Älteren die Verwendung einer Lesebrille erfordern.

Kleiner Wermutstropfen: Beim Import in meine iTunes musste ich leider feststellen, dass das Album nicht in den Gracenotes zu finden ist. Das wird hoffentlich bald nachgeholt, denn wer tippt schon gern jeden einzelnen von 13 namenlosen Tracks einer „Audio CD“ und scannt auch noch das Cover in seine Mediathek?

Musikalisch gibts nix als Lob. Aber anderes hätte ich von Großmütterchen Hatz und ihren Jazz-Freunden auch nicht erwartet. Leidenschaftliche Musiker und geschliffene Kompositionen, gepaart mit perfekter Studiotechnik und Tonmeistern, die ihr Handwerk verstehen, ergeben nun einmal gehobenes Hörvergnügen, das auch tanzbar ist.

Tausende Traktoren/ Säen Winterweizensamen/ Primfaktoren Diktatoren/ Nächte ohne Kosenamen…// Und sie pflücken nicht mehr Gurken/ Sondern Thonet Garderoben/ Tauben Himbeermarmelade/ Mäuse und Mikroben.

Amüsiert lese ich dann noch Großmütterchens selbst verliehene Bezeichnung als „Master of Social Management„… What the … ?

Kontakt: info@gmhorkestar.at

Berndt Luef Quintett – Chile, 11.09.1973

FOSTA 99/013 records
Graz 2013

Ich kenne Berndt Luef seit einem Auftritt im “Klub Links” circa anno 1978. Und er ist seinem politischen Engagement all die Jahre treu geblieben. So heißt sein neuestes Album Chile, 11.09.1973 und die erste Fassung – seine erste längere Komposition – entstand spontan nach der Nachricht über den faschistischen Putsch in Chile. 1981 hat er diese Komposition für seine damalige Gruppe “Mirror” überarbeitet und in vier Sätzen zu einer Suite zusamengefasst: Land & Bevölkerung / Das Wahlbündnis “Unidad Popular” / Wahlsieg / Todesmarsch, um die Jahre 1969–1973 musikalisch auszudrücken. Im Dezember 2013 hat er es anlässlich des 40. Jahrestages wieder hervorgeholt, für das Berndt Luef Quintett arrangiert und im Musicgarden Studio aufgenommen. Jetzt ist es als nummerierte limitierte Sonderproduktion erschienen. Dieses Album (meine CD trägt die Nummer 41) landete unlängst mit einem handgeschriebenen Begleitbrief in meinem Postkasten.

Allein das verdient im Jahre 2014, wo in der Schule leider kein Wert mehr auf schöne, flüssige Handschrift gelegt wird, weil nur mehr auf einer Tastatur getippt wird, besondere Erwähnung. Berndt ist vom alten Schlag. Nicht so seine Musik. As ehemaliger Schlagzeuger ein Meister am Vibraphon, swingt sich das erste Stück, HZL, leicht in die Ohren, man fühlt einen Hauch Latin-Jazz, denn es ist, wie auch das letzte Stück, Saida, bei Besuchen in Lissabon entstanden und der Nelkenrevolution in Portugal im April des Jahres 1974 gewidmet. Dazwischen erklingt die Chile-Suite in vier Sätzen.

Wenn man als Zuhörer mit der Geschichte vom Putsch in Chile 1973 vertraut ist, machen die Rhythmen und Melodien der vier Sätze, oft getragen vom geschmeidigen Saxofon oder der Zauberflöte des talentierten Mister Dunst, durchaus Sinn. Spätestens im 3. Satz wird man wachgerüttelt, wenn sich unverhofft aus sanften Klängen ein Chaos entwickelt, wobei man erst glaubt, die Aufnahme oder die Tonanlage spiele verrückt, bevor im 4. Satz die Miliz unter General Pinochet einmarschiert.

Aber – und das ist mein einziger Einwand – wenn man nichts oder wenig von lateinamerikanischer Geschichte weiß, erfordert es große Neugier, einem Ereignis ausschließlich durch instrumentalen Ausdruck nahezukommen, wenn es gänzlich ohne Worte Gefühle wie Freude, Zorn oder Trauer vermitteln will. Ich wäre mit dem Thema aus der Quintett Besetzung ausgebrochen und hätte Texte (Pablo Neruda hätte sich angeboten) eingebunden. Aber ich bin kein Jazz-Komponist und schon gar kein so begnadeter Musiker wie Berndt Luef. Daher sind diese 21:15 Minuten immer wieder hörenswert.

Das Berndt Luef Quintett sind Patrick Dunst (Sopransax, Flöte), Stefan Oser (Gitarre), Berndt Luef (Vibraphon, Percussion), Thorsten Zimmermann (Bass) und Viktor Palic (Schlagzeug).

Berndt Luef (oben) im Generalihof und (unten) seine schnellen Hände im Forum Stadtpark | Fotos © Gerald Ganglbauer 2012 und 2014

Tribal Dialects – Home

Session Work Records
Trieste 2014

Es mag unkonventionell sein, die Besprechung des eben erschienenen Debütalbums „Home“ von Tribal Dialects (das sind Patrick Dunst, Sina Shaari, Michael Lagger & Grilli Pollheimer) mit Reflexionen über dessen Verpackung zu beginnen, aber im vorliegenden Fall scheint gerade das der legitimste Einstieg zu sein. Vier Paar bunte Schuhe hat die Künstlerin Azadeh Balash gemalt, achtlos hingeworfene Schuhe, vielleicht jene der vier Jazzmusiker, könnte man sich vorstellen, gerade aus der weiten Welt nach Hause zurück gekehrt.

Eine wunderschöne Metapher für „Heimat“. Man zieht sich die Schuhe dort aus, wo man “daheim” ist. Ich selbst habe mir zum Thema in meinen 25 Jahre fern der Heimat auch so manche Gedanken gemacht. Auf die Schuhe bin ich nicht gekommen. Und die Grafikerin Petra Temmel hat sie wieder in ihre Schuhschachteln gepackt und daraus den Schriftzug für die vier Buchstaben H-O-M-E gebastelt. So hat sie mit diesen Schachteln ein wunderschönes, stimmiges Artwork gestaltet. Im MP3-Zeitalter wahrlich ein Grund, sich doch hin und wieder das eine oder andere Album als Plastikscheibe zuzulegen, auch wenn man sie ohnedies in seine iTunes „Plattensammlung“ kopiert.

Aber nun zur Musik. Im Rahmen der Murszene am Mariahilferplatz waren gestern Patrick Dunst mit zwei von drei Mitgliedern seiner Tribal Dialects auf der Bühne. Nach einem heißen Badetag war mir die Vorstellung angenehm bei Jazzmusik zu chillen, also fuhr ich vorbei, hatte das Glück einen Parkplatz zu finden und war bald in der lauschenden Menge untergetaucht. Leider ohne Kamera, weshalb das Handy für ein paar Fotos herhalten musste. Der Perser Sina Shaari spielte die „Oud“ (eine arabische Laute) als markanten Klangerzeuger für Weltmusik, Grilli Pollheimer sorgte mit wechselnden Perkussionsinstrumenten für den Rhythmus und Patrick Dunst akzentuierte mit Saxofonen, Klarinetten, Flöten und mehr durchwegs lauter Eigenkompositionen des Quartetts, im Encore sogar selber drumboxing (eine Premiere). Das Publikum ging begeistert mit. Hip-Hop meets Jazz.

Tribal Dialects am Mariahilferplatz | Fotos © Gerald Ganglbauer 2014

Als mir Patrick nach dem gelungenen Auftritt vertrauensvoll eine Promo CD des Debutalbums seiner Formation überreichte, war ich noch der Meinung, ich hätte aus dem Stockwerk bereits einmal über ihn berichtet. Sein Name war mir vertraut, aber wir waren uns – nach einer Suche in Gangway – offenbar noch nicht begegnet. Ich hatte allerdings schon ein Album seines Freundes und Pianisten Michael Lagger (von ihm ist das achte Stück „Sehnsucht“ auf „Home“) in Gangway Music vorgestellt und einen Hinweis auf seine Band Tripod in Gangway Specials gebracht. Nun ja, Graz nennt sich zwar die „City of Jazz“, ist aber dennoch eine kleine Stadt, in der jeder jeden über ein paar Ecken kennt. (Six Degrees of Separation.)

Patrick Dunst, der bescheidene Bandleader, ebenso wie ich aus Graz stammend, der in so gut wie alles aus Holz oder Blech hineinbläst und sogar aus einem Grashalm noch bezaubernde Melodien herausholen würde, ist ein sehr sympathischer junger Mann. Das sechste Stück auf dem Album („Prolog/Epilog“) widmet er in einem schlichten Arrangement seiner Heimatstadt Graz, die er, wiederum ebenso wie ich, mit itchy feet verlassen musste. Kollaborationen mit Menschen anderer Teile der Welt sind immer spannend. Ich sehe keine unmittelbare Gefahr in zu vielen Jan Garbareks, die sich Weltmusik auf den Genre-Tag schreiben. Ich schätze den behutsamen Wunsch (persisch: „Arezoo“) nach Frieden auf der Erde, ich genieße die unzähligen Dialekte der Stämme.

„Home“, das erste Album von Tribal Dialects ist ruhig und in sich sehr stimmig, obwohl es sich aus einer Hausaufgabe eines von Patricks Lehrern entwickelt hatte. Es bleibt zu hoffen, dass neue Hausaufgaben weitere Ideen für derart dichtmaschig gewebte fliegende Musikteppiche hervorbringen.