Nature – Walk the Edge

FabSoud Records
Wien 2019

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nature (kleinschreibung) ist eine ganz junge Band aus Wien, die ich noch nie gehört, gesehen, geschweige denn gekannt habe – und dennoch versuche ich mich an einem kleinen Hinweis, weil mir deren Debüt Single „Walk the Edge“ gefällt.

Österreich ist in der Tat begnadet mit grossen Söhnen (und Töchtern, selbstverständlich) und diese jungen Herren Michael Burger (Vox), Andy Liu (Git), Rich Messner (Bass), und Mathias Holzner (Drums) zählen mit ihrem Erstling schon jetzt zu jener Kategorie.

Der Pressetext spricht von „Rock Pop vom Feinsten, der unter die Haut geht“, jedoch müssen die Newcomer am 8. Mai  im WUK (Wien) mit einem Konzert erstmal den Beweis antreten, dass das weit auch weit über die 04:17 des ersten Songs hinausgeht. Danach kann der Download losgehen.

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Photography by Ben Leitner

Paul Plut – Lieder vom Tanzen und Sterben

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Im Vorfeld hatte es beinahe den Anschein, dass ich zu alt werde, um über Livekonzerte zu berichten. Auch Paul, den ich seit seinen frühen Schreien mit VIECH in der Papierfabrik kenne und schätze, schien vor dem Konzert reserviert. Er hatte meine Nachricht nicht gelesen, dass ich ihn treffen wollte, daher war ich für den Konzertbeginn viel zu früh dort. Zu allem Überdruss oder vielleicht in Wechselwirkung mit der körperlichen Anstrengung, die eine abendliche Fahrt ohne Begleitung in die Stadt samt nächtlicher Heimreise zum Ursprung erzeugte, war ich gerade kraftlos im OFF. Scheiss Parkinson.

Aber Kraft brauchte es nicht, um mit allen Sinnen den zarten Passagen von Paul Pluts „Liedern vom Tanzen und Sterben“ zu folgen. In den Aussparungen zwischen den rauh geflüsterten Worten und manch schrägen Tönen des Verzerrers seiner Gitarre hat er „in Teifi gsehn im Tram“ und reflektiert suizide Gedanken. Darüber hätte ich ihm noch gerne ein paar Fragen gestellt. „Wir san nur Fleisch/ Wir san sunst nix/ Oba damit nit aloa“ singt er an anderer Stelle und meint, dann nur in die Hände klatschen zu müssen um Obersteirisch zu statuieren: „Wir hobn koa Ongst“.

Obwohl manchmal Erinnerungen an Neil Young in „Dead Man“ (1995) evoziiert werden, ist das nicht die (Film-)musik eines Untoten, sondern die eines jungen Mannes, der keine Angst mehr vor dem Teufel hat. Bei Texten wie „Heiliger Vota, valoss mi jetz nit“ sich aufdrängenden „Gretchenfragen“ wie: „Bist du gläubig?“ nimmt er die Antwort schon in der Überleitung mit einem „Nein!“ vorweg. Und nach dem Konzert ist er wieder ganz das freundliche „Landei“ wie er sich sellbst bezeichnet, steht hinter der Merch(andise) und signiert eifrig CDs und (jetzt neu) auch Schallplatten.

Obwohl die „Lieder vom Tanzen und Sterben“ für mich eine Neuerscheinung sind, war Paul Plut in verschiedenen Besetzungen mit dem Programm schon seit 2016 zwischen Südtirol und Norddeutschland unterwegs. Der deutsche Sprachraum ist eben nicht größer. Dabei würde ich gern ein zweisprachiges Duett mit ihm aufnehmen. Schließlich ist er mit „VIECH“ schon auf all meinen Buchtrailers. Als CD ist das Album übrigens schon 2017 erschienen, als LP  gerade erst bei dem jungen Hamburger Label Chateau aero.

Zum Abschluss eine Hör- und Sehprobe vom Konzert: Ein Ausschnitt aus „Grat“. Kudos an Torsten Schmid für die sensible Lightshow.

Alles weitere: paulplut.com

High Brian – Brian Air

StoneFree Records
Graz 2019

Brian.AirPaul Berghold, der Drummer der Band, begrüßt mich backstage im p.p.c. wie einen alten Bekannten. Der Grazer ist nicht nur für das Schlagzeug zuständig, sondern auch für das Meet ’n‘ Greet aller Gäste der Album Release Show. Ganz im Stil einer Airline folgt die junge Band den Vorgaben ihres Konzeptalbums „Brian Air“, dem Nachfolger des Debüts vor zwei Jahren. Ich muss zugeben, dass ich High Brian bis dato nicht geortet hatte, freue mich aber, dass sich das nun wie im Flug geändert hat.

Paul hatte die Bandmitglieder – Benedikt Brands, Gitarrist, Sänger und Komponist aus Hamburg, Nils Meyer-Kahlen, Lead Gitarrist mit Heimatstadt Stockholm und Patrick Windischbauer, Bassist aus Linz,  jeder von ihnen ist Brian – während des Toningenieur-Studiums an der TU-Graz kennen gelernt. Sie spielten einige Jahre in einem Proberaum im Keller der Papierfabrik (wo mir auch schon Saint Chameleon, Downlovers und VIECH über den Weg gelaufen sind) dann machten die Vier, die sich den Beatles und Beethoven (Ludwig van, nicht Badhoven) verwandt fühlen, “Hi Brain” (2017) und klingen darauf wie Wolfmother, meine Landsleute aus Down Under. Ich habe dieses Album nicht gehört um den Vergleich bestätigen zu können.

Doch zurück zum Abflughafen: “Brian Air – not the safer, but the higher way to fly”, behauptet die Plattenfirma und ich will dem Zitat gerne glauben, in Bezug auf die jüngsten Flugzeugabstürze. Musikalisch etwas mehr “psychedelic Rock” (im Sinne des Sergeant-Pepper-Albums) wird auch behauptet, läßt sich aber schwer nachprüfen, da der Gesang im Live-Konzert kaum zu verstehen ist und den Tonträgern LP und CD in limitierter Auflage kein Booklet mit den Texten beiliegt.

Ich muss mir nach dem Live-Erleben erst noch die Studioversion ein paarmal anhören. Mich haben sie zeitweise an Wishbone Ash erinnert, aber das ist lange, sehr lange her. Nett fand ich zwischen den acht Songs die gelegentlichen Ansagen des Flugkapitäns und erwähnenswert auch das Set mit den Konturen eines Jets aus programmierten Lichtbändern.

Aber das Geilste wäre ein Rooftop Konzert. Nicht nur eines wie es viele Bands von den Beatles bis zu The Base schon gespielt haben, sondern als Brian Air Crew vor der Boeing 727 am Dach des Novapark Hotels.

Die Band legt übrigens Wert auf den Umstand, dass sie mit diesem Album kommerzielle Luftfahrt nicht unterstützt. Folglich müssten sie für eine USA Tournee in zwei Jahren auf der “HMS Brian” über den Atlantik. Schiff ahoi!

VIECH – Heute Nacht nach Budapest

VIECH ist eine heimische Band, deren Entwicklung ich seit 2011 interessiert verfolge. Mit ihrem aktuellen dritten Album sind die Grazer Spuren des Band Co-Gründers Andreas Klinger, der nach Leipzig gezogen ist, völlig verweht und Paul Plut bringt seine Stimme konsequent ein und klingt so heiser, dass man sich Sorgen um seine Stimmbänder macht. Der Titelsong ist radiotauglich wie seinerzeit der „Steuermann“ und kommt ohne Brüllen aus, auch wenn sich der unverwechselbare Paul bald wie Tom Waits anhört.

Die Lyrics sind anspruchsvoll wie immer, „Ich wär so gern eine Straßenbahn, dann wärs OK im Kreis zu fahren“ und kommen aus der kollektiven Feder der Band. VIECH ist eine meiner Lieblingsbands,  denn ihre klugen Texte rocken sich in dem Herzschlag genehmen Beats durch die Tunes. „Im Sand“ ist beispielsweise so eine geniale Nummer, aber macht euch selbst ein (Hör-)Bild der Band, der auch Martina Stranger ihre Stimme leiht, seit sie in Wien sind. Ich freu mich jedesmal, wenn ich VIECH im Radio höre und hoffentlich auch wieder einmal LIVE treffe.

Paul Plut und Christoph Lederhilger bin ich zu Dank verpflichtet, dass ich ihre Musik in meinen Buchtrailern verwenden darf. „Ich hab viele Fehler gemacht“ (Heute Nacht nach Budapest) stellt beispielsweise die Neuauflage des Gangan Lit-Mag vor und hat schon einige meiner Leser zu VIECH-Fans gemacht.

Zusendungen

CDs/LPs zur Besprechung an Gangway Music Reviews, Jakobsweg 18, 8046 Stattegg-Ursprung, mp3 Alben Link+Code zum Download mit folgendem Formular. Zusendung ist keine Garantie für eine Rezension. Bitte um Verständnis dass unverlangt eingesandte Tonträger nicht retourniert werden.

Andreas & Katharina Klinger-Krenn – KlingerKrenn

HOERMIRZU
Graz 2016

Ich kenne Andreas „Ondi“ Klinger nun bereits seit einigen Jahren und gebe zu, dass ich ihn mag. Aber die Stimmung, die dieses Debütalbum in der neuen Formation mit seiner Frau in mir evoziiert – dieses abwechselnde Getrieben werden von schnellen Drums und dann wieder Schweben wie auf einem Klangteppich – ist, frei von persönlicher Sympathie, einfach großartig. Vielleicht weil ich beim ersten Abspielen meinte, Matt Berninger zu hören, manchmal auch John Cale, sich aber dann doch ein unverwechselbares Hörerlebnis einstellte, das seinen Ausgang von Klingers Bariton nimmt, in die sich die zartere Stimme Krenns gefühlvoll einbettet.

Wie ist das nun im Einzelnen? Nach einem lieblichen instrumentalen Einstieg, dem siebeneinhalb Minuten „Ascent“ folgt gleich ein Geständnis: „Zumindest sind wir beide Feiglinge“, eine Nummer, deren Geschwindigkeit einen mitzureißen versteht wie Barack Obamas Lieblingsband, The National. Und irgendwann im Tune wechselt das Tempo abrupt und das Duo Klinger und Krenn setzen ihren Sprechgesang akzentuierter fort, bis die rollenden tobenden Drums wieder die Komposition übernehmen. „Puttin‘ it on us“ reminisziert die VIECH-Vergangenheit mit Choral gebrüllten Refrains, überhaupt hat jedes Piece seine ganz spezielle Eigenheit.

Ob der Umzug des Ehepaars Klinger-Krenn von Graz nach Leipzig den Musikstil beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Leichter fällt es mir zu behaupten, dass Vergleichbares in Graz nicht zu hören ist. Aber wie viele Paare machen schon ein Konzeptalbum zu ihrem erstem Hochzeitstag?

„Eine dieser erfundenen Geschichten“ ist so ganz nach meinem Geschmack, schräge Rhythmen (Günther Paulitsch an den Drums und Gabriel Huth am Bass), dunkle Chöre und Refrains wie: „I keep everything for my Baby, I keep everything for my Love“, sind zugleich helle Liebesbezeugungen des jungen Paares. Wie mich das an meine eigene Ehe mit Petra erinnert … „I don’t want you to die“ wird im letzten Tune wie ein Mantra wiederholt und langsam ausgeblendet in die Stille. Der Hörer verharrt eine Weile in ihr und hört im Kopf die Worte nach. Ach, die Liebe …

Andreas Klinger und Katharina Krenn, 29. August 2016 | Foto © HOERMIRZU und Gerald Ganglbauer 2016

Katharina Krenn und Andreas Klinger starten mit diesem Album in ihre gemeinsame musikalische Zukunft. Nach ihrer Hochzeit im August 2015 und der anschließenden Reise durch Frankreich begannen die beiden ihr „Hochzeitsalbum“ zu komponieren und veröffentlichen dieses nun ein Jahr danach, an ihrem ersten Hochzeitstag am 29.8.2016. Andreas und Katharina nennen es „eine emotional tiefgehende Albumproduktion. Das Album spiegelt unseren Alltag wieder, die begeisterte Liebe, die notwendige Gesellschaftskritik, die düsteren Ängste, die aufschreienden Revoluzzer-Pläne. KlingerKrenn, das Album, das sind wir. Straight. Es zeigt unsere Gedanken in den Texten, unsere Emotionen in den Harmonien und unsere Euphorie in den Melodien. Der Spielraum zu improvisieren und der Drang zum Ausprobieren charakterisieren unsere Songs und bilden die Authentizität des Albums.“

Veröffentlicht wird das Album auf dem eigenen Label Hoermirzu und aus Musikindustrie-kritischen Gründen nur digital via Bandcamp, wo ein direkter Kontakt mit den HörerInnen möglich ist: „Ohne Werbung und Abzocke von Drittanbietern! Wir bieten unsere Musik dort gratis zum Streamen an und verkaufen sie als Download. Wer es sich gerne gratis runterladen möchte, kann das gerne per Mail anfragen! Dafür brauchen wir kein iTunes/Spotify/Apple/Amazon.“ – www.hoermirzu.com

The Base – Where is My Weather

Konkord
Vienna 2015

Gestern Abend war ich bei der Release Show des neuen Base Albums Where is My Weather im Grazer p.p.c., einem Venue, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte und der sich mir als eine angenehme Überraschung präsentierte. Publikum, wo ich mich nicht als Großvater zu fühlen brauchte (unter anderem steuerte Werner Krause auf mich zu und begrüßte mich herzlich), trotz vollem Haus kein zu großes Gedränge und alles in rauchfreier Luft. Wer unbedingt rauchen musste, konnte das im Ghetto hinter Glas im hinteren Bereich tun. Freundliche Security und Barbedienung, solide Bühnentechnik (ich kletterte beim Fotografieren darin herum), eine geniale Lightshow und perfekter Sound.

Es wurde eine kurzweilige Wartezeit. Mit der üblichen guten Stunde Verspätung erklangen schließlich zwei Rockfetzer hinter dem Vorhang, The Base verschaffte sich Gehör.

The Base, Norbert Wally und Karlheinz Miklin

Bevor mir jemand Befangenheit vorwirft, gestehe ich es gleich vorab: Ich bin zu einem großen Fan von The Base geworden, finde Norbert Wallys Stimme einfach großartig und habe mit ihm sogar ein Duett gesungen (siehe Foto). Allerdings bin ich bekannt dafür, mir weder vor Freund noch Feind ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Gerald Ganglbauer und Norbert Wally im Duett

Wenn nun vom Wetter die Rede ist kommt wohl gleich Crowded House der Finn Brothers aus Neuseeland mit dem Ohrwurm (Take the) Weather With You in den Sinn, dicht gefolgt von unserem eigenen, leider zu früh verstorbenen Joe Zawinul, der seinen Weather Report in die USA exportiert hatte. Vom Wetter zu sprechen, hat etwas triviales an sich, es steht als eine Metapher für Small Talk, wenn man sich nichts zu sagen hat.

Nicht so auf diesem neuen Album, wo es das Konzept eines Tagesverlaufes von wechselhaftem Wetter symbolisieren könnte. Als der Vorhang gefallen war, war der erste musikalische Sturm auch schon vorüber, es hellte auf und das Trio spielte sich durch Regen und Sonnenschein. Unscharf wie das Cover Artwork, aber so waren sie schon bei den vorausgehenden Alben: für jeden etwas. Die wüd’n Hadern wurden von zarten Balladen abgelöst, und ein bissl Französisch wird auch drübergestreut. Wally brillierte und zeigte den breiten Bogen seiner stimmlichen Kapazität, Miklin trommelte mit einer Präzision und Kondition ohne auch nur einen Schweißtropfen, die ich nur bewundern konnte (muss am Mountainbiken liegen) und Klinger trieb die Musik mit seinem Bass voran. Einige Songs der neuen Platte (wie schon zuvor gibt es auch diesen Tonträger auf Vinyl, CD und iTunes) waren bereits im Radio zu hören gewesen und ich wünsche der neuen Wetterstation noch viel mehr internationales Airplay und gute Wetterberichte.

The Base live im p.p.c., Graz 2015 | Fotos: Gerald Ganglbauer

PS.: Bei den im fast zweistündigen Konzert natürlich auch gespielten Tunes aus vorangegangenen Alben war es schön zu beobachten, wie viele der Zuhörer die Lyrics kannten und deren Lippen die Worte dazu formten. Sind ja auch schöne Stücke 🙂